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Eine Hommage an Latein

Ich war auf einem humanistischen Gymnasium und hatte Latein von der Sexta an. In den ersten vier Jahren hatte ich eine geniale Lehrerin, die den Unterricht strukturiert, diszipliniert, mit Herz, Feuer und Temperament hielt. Ich bewundere diese Frau bis heute und ihre Stärke, Lebendigkeit und Güte ist mir immer ein Vorbild gewesen. Heute ist sie in Rente, ich schreibe ihr ab und zu eine Karte und sie schreibt stets umgehend zurück. Ich könnte tausend Anekdoten aus diesem Unterricht erzählen... In den vier Jahren mit ihr habe ich bezüglich Latein so ungefähr jede Phase durchlaufen, den ein Schüler nur durchlaufen kann - von Fleiß bis Faulheit, von Freude bis Langeweile, von Unlust bis Liebe. Ich schrieb in den Klassenarbeiten und Vokabeltests die Notenskala rauf und runter. Und hinterher musste ich feststellen, dass ich alles Nötige beherrschte. Sie hatte mir die komplette Grundlage, das komplette System, das der lateinischen Sprache zugrunde liegt, beigebracht, ohne das ich es gemerkt hatte.

In der Obertertia bekam ich einen strengen, alteingessenen Latein- und Griechischlehrer, mit dem ich mich von Anfang an herumstritt. Ich konnte es mir leisten. Meine Note schnellten auf glatte Eins in Übersetzung und Interpretation. Ich machte es mit dem kleinen Finger der linken Hand und ich lernte die Sprache mit Ovid und Cicero lieben. In der Untersekunda begann ich, Nachhilfe zu geben, in der Obersekunda folgte der nächste Lehrerwechsel und ich wählte Latein als Leistungskurs. Wir waren zwölf Leute und der Lehrer ein arroganter Mistkerl. Ich rebellierte und zeigte alles, was ich hatte. Unter vier von vier Klausuren in der Unterprima standen 15 Punkte. Unter drei von vieren: Bestes Ergebnis.

Ich war sehr gut. Es fiel mir leicht. Ich liebte es. Ich liebte es, die Sprache nach Stilmitteln aufzudröseln, ich liebte das Versmaß in der Aenaeis, ich liebte die verschachtelten Sätze bei Cicero. Mein Sprachgefühl geleitete mich sicher durch alle Übersetzungsengpässe und in der Grammatik wurde ich durch die Nachhilfestunden, die ich gab, noch sicherer. Latein ist für mich ein Erfolgserlebnis, eine Liebesgeschichte, ein Lehrstück, eine Stütze in dieser wilden Welt. An Latein konnte ich mich festhalten, ich konnte mich darauf verlassen, ich konnte mich damit verbünden.

Jahrelang sagte ich: Und wenn ich an allem scheitere, was mir das Berufsleben bringt, dann kann ich immer noch Latein studieren. Fast drei Jahre lang ist mir nun selbst dieser Weg verwehrt gewesen. Aber heute tat sich mir eine Möglichkeit auf, wie ich vielleicht doch noch an meine Studienberechtigung komme.

Und wenn ich DAS schaffe, dann ist alles egal - dann kann ich nämlich immer noch Latein studieren. Und ich weiß - daran würde ich niemals scheitern. Latein ist die Liebesgeschichte meines bisherigen Lebens.
10.1.07 15:28
 


bisher 3 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Helena / Website (10.1.07 17:15)
Ich liebe auch Latein...
bin auch im LK.. (; und überlege es mir auch schon länger, es zu studieren.


Die Frau vom Meer / Website (11.1.07 18:28)
Ich habe zwar weder Latein-LK gehabt noch befand ich mich annähernd in Deinen Notenregionen (ich war stets "guter Durchschnitt" - was für ein Euphemismus...), aber ich mochte die Sprache auch; sehr sogar. Habt ihr mal die Geschichte von "Pyramus und Thisbe" übersetzt? Ich habe sie geliebt... ich habe all meine Übersetzungen dazu aufgehoben und lese mir noch heute, fast drei Jahre nach meinem Abitur, regelmäßig durch, weil sie mich noch immer so fasziniert.


Die Frau vom Meer / Website (13.1.07 15:27)
Nun ja, "Orpheus und Eurydike" haben wir nie gelesen. Dafür kann ich den Anfang vom "Bellum Gallicum" immernoch auswendig, *seufz*...

Es kommt meiner Meinung nach auch nicht darauf an, ob man etwas, das man lernt, später für eine mögliche "Karriere" gebrauchen kann. Natürlich ist es hilfreich, aber ich habe immer für mich selbst gelernt, in gewissem Sinne. Daraus resultiert auch mein nicht ganz so gelungener Abitur-Schnitt, aber ich habe schon früh angefangen, jenes Wissen zu selektieren, was ich gerne in meinem Kopf haben möchte und welches nicht. Soweit es geht, werde ich im kommenden Semester Altisländisch belegen - das werde ich wahrscheinlich auch niemals wirklich im späteren Berufsleben anwenden können, aber ich mache es, um meinen Kopf zu füttern und weil es mir Spaß macht. Von daher - sei glücklich darüber, wenn Dir Latein soviel Freude bereitet hat und es immernoch tut. =) So sehe ich das zumindest.

Ach ja, vielen lieben Dank für Dein Lob bezüglich meines Blogs... ich lese Deinen ebenso gern und finde ihn sehr faszinierend... ich würde ihn sehr gern verlinken, wenn ich darf.

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