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Schreibversuche #2

Was bin ich? Was bin ich? Ein Kind schwebt über der Straße und presst immer wieder dieselbe Frage in ihren Kopf. Was bin ich? Sie kann nicht antworten. Das Kind ist ziemlich klein und dünn - sie schätzt sein Alter auf sieben oder acht Jahre - und hat eine Frisur, die sie niemandem wünschen würde: die dunkelblonden Haare sehen aus, als hätte man einen Blumentopf über den Kopf des Kindes gestülpt und am Topfrand entlang geschnitten. Total verkorkst, denkt sie, und wundert sich nicht im Geringsten, als das Kind langsam beginnt, sich in der Luft um die eigene Achse zu drehen. Was bin ich? Sie zuckt mit den Schultern. Was soll man auf so eine Frage antworten? Ein Kind. Ein schwebendes Kind. Aber ein Kind eben.

Sie will weitergehen, den weiten Bogen der grauen Straße entlang, bis zu den Wiesen, aber im Nacken hört sie das Kind schneller atmen. Seine Augen sind geschlossen, sein Kopf in den Nacken geworfen. Was bin ich? Sie will sagen, es ist mir egal, aber ihr Hals ist trocken und sie muss husten. Und dann denkt sie plötzlich, es ist alles nur ein Traum. Es gibt keine schwebenden Kinder, die Realität geht ihr verloren. Will sie wirklich zu den Wiesen? Sie schaut an sich herunter: alles ganz normal. Schwarzer Mantel, Jeans, blaue, ausgetretene Chucks. In der Luft dampft ihr heißer Atem, weiß wie der bedeckte Himmel, weiß wie der Nebel, der sich über die kahlen Hügel legt wie eine samtige Decke. Winter, Dezember. Die Wiesen werden voller Frost sein, kalt und leer. Will sie wirklich zu den Wiesen? Ist das alles noch ihre Realität?

Unschlüssig blickt sie auf ihre Füße. Die Wiesen. Das Kind. Die Wiesen. Und was ist sie selbst? Mit schräg gelegtem Kopf schaut sie das Kind an, wie es da vor ihr in der Luft schwebt, kreiselnd, mit keuchendem Atem und geschlossenen Augen. Sie versucht, sich vorzustellen, wie das Kind aussieht, wenn es wach ist, fest auf dem Erdboden steht, vielleicht lächelt... und kommt zu dem Schluss, dass es ihr nicht einmal auffallen würde. Ich falle auch niemandem auf, denkt sie. Und da hören ihre Gemeinsamkeiten auch schon auf. Sie selbst ist eine junge Frau, etwas über zwanzig, leidenschafts- und arbeitslos. Sie denkt nicht viel nach, nicht einmal darüber, wie es weitergehen soll. Bis heute gehörte sie zu den Menschen, denen ihr Leben einfach passiert. Und so würde sie es jederzeit ausdrücken. Mein Leben passiert einfach. Ich werde gelebt.

Was bin ich? Wieder presst das Kind seine Frage in ihren Kopf. Auf einmal hat sie Sehnsucht nach einer Antwort. Laut sagt sie: "Du bist ein Kind. Ein schlafendes Kind, das in der Luft schwebt und eine verkorkste Frisur hat." Das Kind lächelt plötzlich und hört auf zu kreiseln. Es schwebt jetzt ganz ruhig in Augenhöhe in der Luft. Ist es das?, denkt sie und fragt sich, ob die Aufgabe so leicht zu lösen war. Genügt es, die sichtbaren Fakten zu nennen? Ist es das? hallt es hinter ihrer Stirn. Sie blinzelt. Das Kind presst die Worte wieder und wieder in ihren Kopf. Ist es das? Ist es das?

Sie merkt, dass der Nebel dichter geworden ist. Es ist kaum noch möglich, weiter als zehn Meter zu sehen. Mit abnehmender Sichtweite scheint sich auch die Realität von ihr zu entfernen. Es scheint, als sei nur noch das Stück Asphalt real, auf dem sie gerade steht, ihr Körper und der des Kindes. Das ist nicht richtig, denkt sie. Es ist falsch herum. Sie tastet in ihren Manteltaschen nach einer Packung Kaugummi. Ist es das?, hallt es in ihrem Hirn. Es gibt keine schwebenden Kinder, denkt sie trotzig. Das Kind entfernt sich etwas von ihr, wieder leicht kreiselnd. Es gibt nur diese Straße, es gibt die Wiesen und es gibt mich... glaube ich. Ihre Sicherheit schwindet. Was kann sie glauben? Das, was sie sieht? Oder ist nur das wahr, was man ihr beigebracht hat, was wahr sein sollte? Gibt es vielleicht doch schwebende Kinder? Schwindet ihr Realitätsbezug? Oder schwindet die Realität selbst? Oder schwindet gar nichts außer ihrem Glauben an das, was real sein sollte? Ist es das?

Sie schiebt einen Kaugummi zwischen die Zähne und lässt den brennenden Pfefferminzgeschmack auf sich wirken. Er hilft gegen Realitätsverlust, das weiß sie, und er hilft nachdenken. Ist es das? Der Nebel hat die Gestalt des Kindes fast verschluckt, aber seine Gedanken hallen ungetrübt in ihrem Kopf wider. Ihre Füße werden kalt und klamm. Sie steht einige Minuten reglos und sieht das Kind mit dem Nebel verschwimmen. Dann ist es ganz verschwunden. Ist es das? Sie merkt, dass sie rückwärts gegangen ist. Die Kälte dringt plötzlich auf sie ein. Sie dreht sich um und geht schnell die graue Straße entlang. Außer dem Schweben nichts Besonderes, denkt sie. Ist es das? Zum ersten Mal, seit sie sich erinnern kann, beginnt sie, schärfer nachzudenken. An ihr ist auch nichts Besonderes. Zumindest hat sie das immer gedacht. Kann jemand, an dem überhaupt nichts Besonderes ist, existieren? Und das Kind ist doch eine Existenz. Ist es das?, denkt sie, und diesmal weiß sie, dass es sich um ihren eigenen Gedanken handelt.
22.12.06 19:13
 


bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Helena / Website (23.12.06 00:41)
du kannst wirklich gut schreiben..... du bist wirklich begabt... mach etwas draus...
es ist schön, so etwas zu lesen. Man fühlt sich verstanden und erkannt.. danke dafür.

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