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Schreibversuche #1

Die Frau, die am Hauptbahnhof einsteigt, trägt einen schwarzen Mantel und hohe schwarze Stiefel. Ihr braunes Haar legt sich ein wenig wellig über die linke Schulter. Rechts hat sie die meisten Strähnen hinters Ohr gestrichen. Den Kopf hält sie ein wenig schief. Ich habe immer den Eindruck, dass ihre eisblauen Augen mich genau dann mustern, wenn ich sie nicht anschaue. Aber wenn ich versuche, ihren Blick zu fangen, ist es, als wäre nichts gewesen.

Mir wird übel, als die Bahn anruckelt. Ich sitze gegen die Fahrtrichtung. Die Frau sitzt zwei Plätze weiter auf der anderen Seite, mir schräg gegenüber. Wir kommen am Lohring vorbei, dann am Freigrafendamm. Es ist schon dunkel draußen, Dezemberluft, die Scheiben sind beschlagen und das Licht hier drin irgendwo zwischen unangenehm klinisch und schummrig. Die Bahn ist fast leer. Eine Weile betrachte ich die Leuchtreklamen draußen, dann kommen wir aus dem Ort heraus in unbewohnte Gegend. Von hier ist es nach Witten noch eine halbe Stunde. Am Ümminger Feld steigen die letzten beiden Mitfahrer aus. Ich bin mit der Frau im schwarzen Mantel allein.

Sie sitzt nur da und blickt mich inzwischen unverhohlen an. Ich muss zugeben, dass sie mich auch interessiert. Was steckt hinter diesen Eisaugen? Ihr Starren macht mich nervös - ich rutsche unsicher auf meinem Sitz herum und versuche, eine bequemere Position einzunehmen. Ich versuche, irgendwoanders hinzusehen. Auf meine Jacke, meine Schuhspitzen, meine abgekauten Fingernägel. Es wird immer schwieriger, nicht hochzuschauen und doch einen Blick zu riskieren. Ich überlege, warum ich mich so anstrenge, nur um sie nicht anzusehen. Was ist schon dabei? Zur Abwechslung schaue ich auf ihre Schuhe. Die Stiefel sehen aus, als wären sie aus weichem Rauhleder. Sie laufen vorne spitz zu und haben an den Seiten weiche Falten.

Die Frau mit den Eisaugen schlägt die Beine übereinander. Es wirkt nicht grazil, wie ich es erwartet hätte. Eher stringent, wie abgezirkelt. Dann höre ich eine Stimme, ich könnte schwören, sie spricht direkt an meinem Ohr, leise, aber nicht zu leise, mit rauher Härte, aber wohlwollend. Es ist eine Frauenstimme. "Wie gefallen sie dir?" Unwillkürlich schaue ich nach recht und links, niemand zu sehen, dann der Frau mit den Eisaugen ins Gesicht. "Ich meinte natürlich die Stiefel". Sie lächelt nur, distanziert, aber sie meint unverkennbar mich. Sie schaut mich dabei an und sagt dann: "Aber das interessiert mich eigentlich gar nicht. Es ist nur ein Gesprächseinstieg, wie Menschen wie du ihn für gewöhnlich benötigen." Die Stimme klingt direkt an meinem Ohr. Ich weiß nicht mal, ob die Frau mit den Eisaugen die Lippen bewegt hat. Es ist meiner Aufmerksamkeit einfach entgangen.

Das Licht in der Straßenbahn hat sich verändert. Ich habe das Gefühl, das schummrige Licht kommt jetzt von draußen und innen blühen nur hie und da kleine Flammen auf den Kissen. Hektisch versuche ich, eine davon auszublasen, als das nichts nützt, schlage ich mit meinem Jackenärmel darauf ein. Es hat keinen Sinn. Ein einzelner Zitronenfalter taumelt verloren durch den Gang. Ein Schmetterling? Im Dezember? denke ich kurz. Dann flüstert die Stimme an meinem Ohr: "Schau aus dem Fenster!". Ich wende meinen Blick. Der Himmel draußen ist durchgehend violett, einzelne, weiße Kondenstreifen bilden die einzige farbliche Ausnahme. Ich bin sprachlos. Und noch zwanzig Minuten bis nach Witten.

Die Frau mit den Eisaugen blickt eine Minute lang ruhig aus dem Fenster, an dem sie sitzt. Ihre Lippen bewegen sich nur ganz leicht, während ihre Stimme wie abwesend an meinem Ohr spricht: "Das Leben ist immer so."
Ich verstehe sie nicht.
"Der gegenwärtige Augenblick ist stets voll unendlicher Schätze", sagt sie, als könnte es mir deutlicher und verständlicher machen, was soeben geschieht.
Meine Augen folgen dem Schmetterling, der sich gemächlich auf dem Mantel der Frau niedergelassen hat. Sie sucht ein Haar von ihrem Ärmel und schnipst es weg. Eine allzumenschliche Geste. Dann blickt sie mich an, kälter diesmal und direkter.
"Ich bin Geheimnisträgerin", ihre Stimme ist ein kühles Zischeln. Schau in deiner linken Jacktasche, dort findest du einen Spiegel."
Ich bekomme Angst. Ich bekomme immer Angst, wenn man mich zu hart anfasst. Ich kenne diese Frau ja gar nicht - was mache ich hier überhaupt? Der Himmel draußen wird schlagartig schwarz, nur ein paar Sterne funkeln wie kaltes Metall auf die Straßenbahn herab. Zehn Minuten bis Witten. Ich fühle mich allein, schmerzhaft ängstlich, mein Herz schlägt wie ein Hammer in meiner viel zu kleinen Brust. Trotzdem fasse ich gehorsam in meine linke Jackentasche. Meine Finger bluten, als ich die Spiegelscherbe hervorziehe. Es ist nur ein Bruchstück, vielleicht drei mal vier Zentimeter groß mit unregelmäßigen scharfen Kanten. Ich kann nicht mehr als gerade mein Auge, dreiviertel meines Mundes oder meine halbe Augenbraue darin betrachten. Ein Luftzug fährt durch die Straßenbahn, als ich es versuche, als hätte jemand soeben ein Fenster aufgerissen. Auf der Rückseite der Spiegelscherbe steht, von einem roten Stoffrest fast verdeckt, mein Name.

Ich blicke auf. Witten Hauptbahnhof steht auf der digitalen Anzeigetafel. Das Licht im Zug hat sich normalisiert. Die Frau mit den Eisaugen ist verschwunden. Ich überlege, ob ich kurz eingeschlafen bin, aber in meiner Hand glänzt die Spiegelscherbe, daran ein Tropfen getrocknetes Blut.
Ich steige aus. Die Luft ist kalt und schneidend, Dezemberluft. Ein paar Schritte und ich bin im Hellen. Als ich die Scherbe genauer betrachte, steht dort kein Name mehr, schon gar nicht meiner. Aber ich sehe einen verirrten Schmetterling über die Gleise taumeln und laufe ihm ein paar Schritte nach. Die Scherbe fällt zu Boden und zerbricht. Ich bücke mich, um sie aufzuheben. Jetzt ist sie noch kleiner, in beiden Hälften bleibt nur ein halbes Auge zu spiegeln. Ich überlege, was ich tun soll. Die Scherben wegwerfen? Sie behalten und als ein mysteriöses Geheimnis aufbewahren? Die eine Häfte funkelt im Licht. Ich lese darauf einen neuen Namen. Es ist nicht meiner, aber ich kenne ihn irgendwoher. Woher, fällt mir nicht ein. Ich zucke mit den Schultern. Vielleicht bin ich jetzt auch eine Geheimnisträgerin, denke ich. Vielleicht kann ich den Himmel nun auch violett machen und die Zitronenfalter im Dezember fliegen lassen. Vielleicht muss ich jetzt auch Scherben an andere Menschen verteilen, damit sie sehen, wie das Leben immer so ist. Ich weiß es nicht. Aber die Vorstellung gefällt mir mit einmal, so dass ich pfeifend losgehe, zwei Spiegelscherben in der Tasche, von denen nur eine mir gehört.
13.12.06 18:06
 


bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


suck-my-kiss / Website (13.12.06 20:20)
hi
das is total cool. das war anfangs so normal un dann ging das in dieses fantasy über.. echt supa^^
ich würd ma sagen :mach weiter so !
war sehr schön geschreiben und hat spaß gemacht zu lesen
lg


Sombra (13.12.06 21:16)
Er ist dir geglückt, dein Versuch. Obwohl Glück eher ein falsches Wort ist in diesem Zusammenhang.

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