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Erinnerungsfragment #12

"Deine Mutter rief mich an. Sie sagte, du willst die Schule nach der Zehnten nicht mehr weitermachen..." Große, grüne, eulenartige Augen schauten Ariadne durch randlose Brillengläser an. Sie zuckte die Schultern.
"Aber deine Noten sind doch eigentlich sehr gut. Es wäre dumm von dir, jetzt aufzuhören." Die Lehrerin und Vertraute maß Ariadne mit einem Blick, der eine Mischung aus Ärger und Verständnislosigkeit zum Ausdruck brachte.
"Ich will einfach nicht mehr. Ich sehe keinen Sinn darin", brachte Ariadne hervor. Einen Moment später fügte sie hinzu: "Und ich habe keine Kraft mehr."
Sie konnte beinahe zusehen, wie die Lehrerin innerlich die Augen verdrehte. Wieder so eine Spinnerei, so ein aus der Reihe tanzen. Ihr Herz zog sich zusammen.
"Ich weiß nicht, wozu ich noch weitermachen soll. Das hat doch alles keinen Sinn... ich lerne nichts, was von Bedeutung wäre, und ob ich bis zum Abitur überlebe ist sowieso fraglich."
"Fraglich? Spielst du mit deinem Leben?"
"Nein..." Ariadne zählte die dunklen Streifen auf dem Laminat zu ihren Füßen. "Es ist einfach alles so sinnlos." Sinnlos... Sie kämpfte, sie war müde, sie brachte in der Schule die Stunden herum und schlief, es ergab keinen Sinn. Ihr Leben war sinnlos, ein Warten auf bessere Stunden. Es war kein Leben. Es war ein Vegetieren.
"Und was willst du dann machen?" Die Lehrerin hatte einen strengen Zug um den Mund.
"Eine Lehre beginnen. Etwas Sinnvolles tun. Einfach mal etwas tun." Ich überlebe das nicht.
Die Lehrerin seufzte.
"Und du glaubst, in einer Lehre wäre das besser?"
Ariadne schwieg. Ich weiß es nicht, ich weiß es nicht. Vielleicht...
"Ich glaube, du würdest es irgendwann bereuen, dein Abitur nicht gemacht zu haben, obwohl du die Fähigkeiten dazu hast."
Die Lehrerin berührte Ariadne am Arm.
Sinnlos.
"Okay, ich mache dir einen Vorschlag. In der Oberstufe läuft sowieso alles ein bisschen anders. Schieb deine Entscheidung ein paar Monate auf, schau dir die Elfte an - dann kannst du immer noch gehen."
Ariadne schwieg. Kämpfte mit sich und der Sinnlosigkeit. Kämpfte gegen sich und die Sinnlosigkeit. Trotz und Zähigkeit siegten.
"Okay. Ich probiere es."


Mit sechzehn, kurz vor Beendigung der zehnten Klasse.
29.5.06 14:44
 


bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


shekaina / Website (29.5.06 20:25)
Was sagt dir das? Damals schon, was etwas nicht richtig für dich in der Schule. Es gibt viele Wege nach Rom... Abendschule Zb da muss man nicht immer anwesend sein und man ist mit Erwachsenen zusammen. Man kann da auch seine Gefühle offen ansprechen bzw seine Probleme- da sind viele Menschen wie „wir“. Es gibt viele Wege, nicht nur einen.

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