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Jahrende der Erschöpfung

Jahrelang habe ich meine Nachmittage schlafend auf der Couch verbracht. Es begann mit harmlosen zwei Stunden, als ich zwölf oder dreizehn war. Nach und nach wurden es mehr. Wenn ich von der Schule nach Hause kam, verkroch ich mich in mein Zimmer, mein Heiligtum, las einige Seiten, spürte, wie mein Kopf immer dumpfer wurde, konnte nicht mehr gegen die zufallenden Augen kämpfen. Ich döste und schlief bis zum Abend, das Buch immer auf dem Bauch, auf der Hut, falls jemand die Treppe hinaufsteigen sollte, falls jemand mein Zimmer betreten wollte - dann schreckte ich auf, hielt das Buch in zitternden Händen, wartete ab, dass meine Tür geöffnet würde, um dann schroff jedes Wort, jeden Wunsch an mich abzuweisen. Ich hatte keine Kraft, keine Kraft mehr, keine Kraft, zu lächeln, aufzustehen und mein Zimmer zu verlassen.

Als ich siebzehn war, begann mein Kreislauf zu versagen. Ich war in der Oberstufe und hatte jeden Nachmittag Unterricht. Es gab keine Stunden auf der Couch mehr. Manchmal kam ich nicht vor acht Uhr abends nach Hause. Die Stunden in der Schule verbrachte ich halb dösend, wartend, dass es irgendwann vorbeigehen würde. Der Körper wollte nicht mehr. Manchmal konnte ich kaum gehen, wurde halb getragen, wenn jemand bei mir war. Man versuchte es mit Eisenpräparaten, der Kreislauf wurde irgendwann wieder stabiler.

Die Erschöpfung blieb, steckte tief in den Knochen. Schlafen half nicht mehr und ich schlief auch nicht mehr viel. Ich war nur noch müde, mein Kopf war so dumpf, ich konnte die Augen kaum offen halten, jede Minute, die ich sie im Unterricht schloß, kam einer Erlösung gleich. Man sagte mir oft, ich sei leichenblass, sähe aus, als ob ich jeden Moment zusammenbrechen könnte. Ich brach nicht zusammen. Ich konnte alleine gehen. Es war alles in Ordnung. Alles in Ordnung. Alles in Ordnung.

Nichts war in Ordnung. Als ich achtzehn war, brach meine Psyche zusammen. Ich konnte nicht einmal mehr eine einzige Seite lesen. Die Erschöpfung war zu groß, es gab keine Konzentrationsfähigkeit mehr in mir. Ich ging nicht mehr zum Unterricht, war durchgehend krankgeschrieben.

Seit zwei Jahren nehme ich Antidepressiva und ich glaube, ihnen verdanke ich, dass ich meine Tage wieder nutzen kann. Mein Kreislauf beschwert sich noch manchmal, aber ich bin nicht mehr so tödlich müde. Manchmal döse ich nachmittags eine Stunde. Aber ich kann wieder aufstehen und etwas tun, ich kann wieder lesen, mehr als ein paar Seiten. Diesen Grad der Erschöpfung will ich nie mehr erreichen! Ich hoffe so sehr, dass ich trotzdem wieder belastbar werden kann. Manchmal habe ich Angst, dass eine annähernd große Belastung wie die durch die Schule, mich wieder allzunah an meine Grenzen bringen könnte. Aber ich muss doch wieder etwas leisten! Und ich will es auch so sehr. Ich hoffe nur, es wird mir irgendwann wieder möglich sein...
Ich habe Angst.
29.5.06 14:03
 


bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


sindri / Website (29.5.06 18:05)
Ich verstehe Deine Angst, aber Du machst den Eindruck, dass Du inzwischen schon weit belastbarer bist als vor einiger Zeit!
Du bist auf einem guten Weg! Ich denk an Dich und verstehe Deine Gedanken so als wären es meine... ja wirklich!
Lass es Dir heut' Abend gut gehen!


shekaina / Website (29.5.06 20:27)
Erstens finde ich das Wort "leisten" furchtbar schrecklich und es passt nicht.
Du brauchst wieder Selbstentfaltung-verwirklichung. und die wirst du auch schaffenn.... hey wir sind ja keine alten Omis.. und wir lernen grad fürs Leben.... wir werden im Berufsleben oft besser berstehen als andere....

und ausserdem:

wir sind nicht unbelastbar, wir sind nur SEHR belastet.

Ich hab dich lieb

Ps: ich habe diese Müdigkeit leider nie los bekommen. Nie.

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