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Ich und das Dorf - Eine Interpretation

Interpretation, 15 12. 2005
Das vorliegende Bild "Ich und das Dorf" von Marc Chagall aus dem Jahre 1911 zeigt im Vordergrund einen grünen Männerkopf und den einer weißen Kuh mit sehr menschlichen Augen und einer Perlenkette um den Hals, die sich anblicken, in der Hand des Mannes am unteren Bildrand ein blühendes Bäumchen. Es gibt keinen deutlichen Mittel- und Hintergrund, aber am oberen Bildrand und proportional deutlich kleiner befindet sich eine Häusergruppe, darunter eine Synagoge mit Rabbi, unterhalb davon die Gestalten von Bauer und Bäuerin, im Wangenbereich der Kuh befindet sich eine melkende Magd (samt Kuh); auffällig sind zwei Häuser und die Bäuerin, die auf dem Kopf stehen.

Im Gesamteindruck wirkt das Bild auf tänzerische Weise bunt und fröhlich wie eine verklärte Erinnerung, in der verschiedene miteinander verknüpfte Bilder gleichzeitig aufblitzen und sich gegenseitig überlagern, wobei eines - das der Verbindung zwischen Mann und Kuh - ganz klar im Vordergrund steht. Mich persönlich erinnert das Bild an geliebte Lyrik von Rilke, das "Karussell" etwa - "und dann und wann ein weißer Elefant" - es hat etwas von derselben Leichtigkeit und Eindrücklichkeit.

Hier liegt eine bestechende Farbigkeit vor, kraftvolle Töne und deutliche Kontraste, immer wieder zwischen Rot und Grün (Gesicht des Mannes vs. Hintergrund) Warm und Kalt (Hintergrund vs Vordergrund, was die Raumillusion völlig aufhebt), Hell und Dunkel (vor allem innerhalb einzelner Elemente); die Farbigkeit ist individuell, Lokal- und Erscheinungsfarbe liegen nur sehr begrenzt vor und sind vielfach noch innerhalb des Motivs aufgehoben (perfektes Beispiel: Die Kuh - zwar gibt es weiße Kühe, aber keine mit blauen Wangen). Es gibt keine Stofflichkeits- und nur sehr bedingte Körperillusion, die Motive wirken eher flächig, Unrisslinien existieren nur zum Teil, dafür zieht Chagall Linien mit der Farbe durch die Farbe, um Elemente zu begrenzen oder kubistische Elemente zu schaffen.

Damit wären wir bei der Komposition: Es gibt klare kubistische Elemente - geometrische Figuren - ein Kreis etwa mittig ist deutlich zu erkennen, ein Halbmond unterhalb der Kuh, die Elemente des Bildes sind vereinfacht, so hat der Kopf der Kuh eine dreieckige Form, und es gibt Aufteilungen von Gründen. Der Pinselduktus geht zumeist mit der bedingten Flächigkeit konform, teilweise ist er auch klar erkennbar aber nie aufdringlich - er tritt hinter die Motive zurück. Die Proportionen bzw. Größenverhältnisse sind aufgehoben (Figuren vs. Häuser; Bäumchen vs. Hände). Der Grad der Abstraktion des Bildes ist demnach relativ hoch, ohne das Motiv, die Idee, die dahintersteht, aus den Augen zu verlieren. Die kubistischen Einflüsse habe ich bereits erwähnt, dazu kommen expressionistische, die sich vor allem in Farbigkeit und der Aufhebung von Raum- Körper- und Stofflichkeitsillusion zeigt - der grüne Mann, ein Motiv, das mehr als einmal bei Chagall auftaucht - das ist ganz klar Ausdrucksfarbe genau wie das Blau in der Kuh.

Bei Chagalls Werken handelt es sich um eine "malerische Zusammenstellung von Einzelbildern", die den Künstler "heimsuchen", eine Collage von Eindrücken also, in diesem Fall wohl Erinnerungen an das heimatliche Dorf - und hier komme ich wieder auf meine ersten Eindrücke zurück, die der verklärten Erinnerungen, zu denen vordergründig eine Liebe gehört - "eine Kuh ist für mich eine Frau", sagt Chagall, der grüne Männerkopf mit der typischen Schirmmütze ist in Chagalls Symbolsprache das "Ich", Chagall selbst. Eine Liebschaft zwischen Chagall und einer Frau im Dorf, der Kuh mit den menschlichen Augen, vielleicht sogar der melkenden Magd. Zwischen den Augen der Kuh und denen des grünen Mannes besteht eine sichtbare Verbindung in Form einer weiß-violetten gestrichelten Linie, es herrscht Blickkontakt und mehr, es knistert geradezu, könnte man sagen, alles andere, die ganze Umgebung können die beiden darüber vergessen, da kann die Welt kopfstehen - und da haben wir die kopfstehende Bäuerin samt Häusern - hier herrscht intensivste Zwiesprache. Das Bäumchen, der Kuh überreicht, hat eine Doppelbedeutung: als Nahrung für die Kuh oder als Geschenk für die Geliebte - die Liebe nährt. Die Augen des grünen Mannes sind quasi die Negation derer der Kuh, die Pupille ist weiß, der Augapfel schwarz, vielleicht haben wir hier den Hinweis auf die totale Ergänzung von zwei Seelen, ähnlich wie wir das heute von Yin und Yang kennen, oder die Anziehung zweier entgegengesetzter Pole. Sicher ist nur, dass die Erinnerung an diese Liebe untrennbar mit der an das Dorf verbunden ist.

Im Hintergrund die Synagoge - das bringt mich auf das Hohelied der Liebe in der Tora, ein Vergleich mit diesem Bild scheint mir, obgleich Chagall selbst sagt, seine Bilder seien "auf gar keinen Fall Literatur", angemessen. Das Hohelied ist der vielleicht schönste Teil der Tora, er widmet sich ganz der poetischen Beschreibung der Liebe, die gleiche Art von Poesie, die sich in dem vorliegenden Bild von Chagall findet, reich an Metaphern, reich an Farbigkeit. Die Metaphorik scheint mir in Chagalls Bild mit der starken Abstrahierung unterstrichen zu werden, es geht hier gar nicht so sehr um die Form oder die Farbigkeit, das alles ist Mittel zum Zweck, merkwürdigerweise einem Zweck, der dem Künstler selbst nicht bewusst war: "Ich verstehe meine Bilder überhaupt nicht", behauptet Chagall. (Prinzipiell könnte man an dieser Stelle die gesamte Rezeption von Kunst infrage stellen - und damit auch diese Klausur.) Dennoch verstehen wir den Zweck oder vielleicht vielmehr den Weg des Bildes, das ist das Spannende daran, Chagall erreicht uns mit seinem Werk, und da ist es im Prinzip egal, was er damit gemeint hat, oder ob er selbst verstanden hat, was er da produziert hat. Das Bild ist ein Kraftspender und eine Liebeserklärung, eine Erinnerung und eine Ansammlung von Metaphern - und es ist durch und durch poetisch denn: Die Kunst wird erst im Auge des Betrachters vollendet.


Beurteilung:
A., deine Arbeit war für mich eine wahre Bereicherung!
Du schaffst es, die Dinge auf den Punkt zu bringen, sie überblickend zu analysieren, zu reflektieren und kritisch zu hinterfragen. Du schaust tief in die Materie hinein, fühlst dich hinein und kannst deine Erkenntnisse strukturiert formulieren.
Deine Fähigkeit, über die Analyse und Interpretation hinauszugehen und weiterführende Wege zu eröffnen, ist beeindruckend.
17. 1. 2006. Sehr gut+ (15 Punkte)
18.4.07 21:50
 


bisher 3 Kommentar(e)     TrackBack-URL


shekaina (18.4.07 22:13)
ich habe das heute schon gelesen,
das bild ist wunderschön, tiefsinnig und berührend irgendwie...
und deine interpretation ist atemlos beeindruckend geschrieben.
mehr kann ich dazu nicht sagen, deine lehrerin damals hat das treffend beschrieben.
15 punkte!
,..
und:
du darfst ruhig auch zeigen, was du kannst, lass dich von dummen menschen nicht irritieren (ich habs gelesen), du und ich- wir wissen genau, wer wir sind. die anderen sind nur irre,

ich hab dich lieb, schlaf gut, seelenschwesterchen.


johanna / Website (18.4.07 23:25)
ich finde deine interpretation ganz wunderbar, und das bild auch., das wollte ich dir nur sagen.


Sab / Website (19.4.07 10:50)
Ich verstehe leider nicht sehr viel von Kunst, Interpretationstechnisch jedenfalls, aber dieses Bild hat etwas an sich... Etwas wundervolles.

*dir einen schönen Tag wünsch*

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