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Über das Aufgeben

Ich habe keine Worte mehr. Mein Kopf ist gefüllt mit Verzweiflung und ich sitze hier und weine seit über einer Stunde, weil einfach alles bricht und stirbt. Das Einzige, was mich noch aufrecht hält, ist der rote Faden, den ich vor langer Zeit um mein Handgelenk band. Das Einzige, was übrigbleibt, wenn alles um mich bröckelt, bin ich. Nur ich. Ich bin mein roter Faden.

Mancher von uns gibt nach einem einzigen resignierten Seufzer das Leben auf. Andere kämpfen ein wenig, dann verlieren sie den Mut. Wieder andere - und zu denen gehöre ich - geben niemals auf. Wir kämpfen und kämpfen und kämpfen, ganz gleich welche Opfer die Schlacht verlangt und wie gering die Aussicht auf Sieg sein mag. Wir kämpfen bis zum Letzten. Es ist keine Frage des Muts. Es ist etwas an unserem Charakter, das uns das Aufgeben einfach unmöglich macht. Vielleicht ist es nicht mehr als Lebenshunger mit einer großen Portion Dummheit.
Yann Martel - Schiffbruch mit Tiger
1.4.07 21:00


Grundsatzänderung

"Warum meinen Sie, dass Sie immer alles ertragen müssten?"

Ja, das weiß ich auch nicht. In mir ist eine große Sensibilität und ich spüre den Schmerz von anderen fast noch intensiver als meinen eigenen. Ich möchte niemanden verletzen, nur mich selbst. Das mag schwer zu begreifen sein, aber es ist so. Dann, manchmal, passieren Dinge, die dieses Konzept völlig durchanderbringen. Gefühlsausbrüche, Ärger, das plötzliche Begreifen - ich will aber nicht alles ertragen! Ich will mein Recht durchsetzen! Oder zumindest das, was ich dafür halte. Hinterher kommen die Gewissensbisse. Schuldgefühle. Die Scham für mein unkontrolliertes Verhalten, die Angst, jemanden persönlich getroffen zu haben. Dann denke ich, ich sollte einfach mal die Klappe halten und drüber stehen. Das kann ich doch so gut! Lächeln und wortlos ertragen.

"Aber Sie müssen nicht alles ertragen! Sie haben ein Recht darauf, sich zu wehren! Warum schützen Sie jeden, einfach jeden - nur nicht sich selbst?"

Vielleicht bin ich größenwahnsinnig? Manchmal möchte ich Menschen, die mir sehr viel bedeuten, einfach ihr persönliches Päckchen Leid abnehmen. Ich kann dieses Leid ertragen, alle Demütigungen, Schmerzen und Verzweiflung, wenn Sie nur mir gehören. Aber Menschen leiden zu sehen, die ich mag, die mir etwas bedeuten... vielleicht sogar generell menschliches Leid, das kann ich nicht ertragen.

Es klingt verrückt, aber so fühle ich. Ich wurde übersensibilisiert für menschliches Leid - vor allem für das Leid, das ich meiner Familie antat. Dagegen war das Leid, das man mir antat, etwas absolut Gewöhnliches, Alltägliches, Normalisiertes - es war nicht von Bedeutung.

Jetzt kämpfe ich darum, die Grundsätze zu ändern, auf denen mein Verhalten basiert. Die Würde des Menschen ist unantastbar - und damit auch meine, nicht nur die meiner Mitmenschen. Und andere Menschen sind ebenso leidensfähig wie ich. Aber keiner von uns ist geboren, um zu leiden, keiner!
3.4.07 16:13


Die letzten Tage...

waren ereignisreich, gefüllt mit Ostern und Menschen, die mir viel bedeuten. Gestern abend dann der Zusammenbruch und heute holt mich die Erschöpfung ein, der ich seit einer Woche davonlaufe.

Ich drücke mich um die Panikattacken herum. Die Nächte verbringe ich auf dem Sofa, lesend oder dösend, bis ich so schläfrig bin, dass das Bett mir nichts mehr anhaben kann. Dann ziehe ich um - meistens zwischen vier und fünf - und schlafe noch einmal fünf Stunden.

Meine Psychiaterin hat mir wieder etwas Neues zum Schlafen verschrieben, sie lockt mich mit einem Neuroleptikum, verpackt wie eine Süßigkeit. Kleine grüne Minismarties. Ich schlucke brav, was immer man mir auftischt, in der Hoffnung, dass es mir irgendwann besser gehen wird.

Immernoch schlucke ich viel zu viel herunter, Schmerzen, Ängste, Tränen, wenn ich nur kann, aber manchmal laufen meine Augen einfach über. Morgen endlich wieder ein Termin bei meiner Therapeutin. Sie hat ihre Arbeitsstelle gewechselt, aber mich nimmt sie mit.

Bei meiner Psychiaterin habe ich noch einen letzten Termin Ende April. Dann geht sie in eine andere Klinik. Vier Monate waren es dann. Am Anfang hat sie mir versprochen, dass sie für mindestens sechs Monate bleiben wird. Ich stelle mich darauf ein. Es gefällt mir nicht, wie man mich herumreicht, aber vorerst kann ich nichts daran ändern.
11.4.07 12:23


Zimt

Im vorletzten Winter entdeckte ich Zimt für mich. Ich mochte es schon früher, dieses feurige, intensive Aroma, aber zu diesem Zeitpunkt wurde Zimt zu einer Art Lebenseinstellung. Seelenkakao (d.i. Kakao mit Zimt), Zimt-Orangen-Duftöl auf einem Tupfer in der Tasche, Zimtsterne, Zimttee. Schon der Name des Gewürzes: er beginnt mit einem kräftigen Anstoß und rollt über das M sanft aus... wunderschön.

Frau H., Pflegerin in der Klinik, in der ich damals war, sagte bezüglich meines Zimtwahns zu mir: "Irgendwas machen Sie richtig, Frau K." Gemeinsam sahen wir in der Aromatabelle nach, die im Dienstzimmer hing. Da stand:

Menschen, die innerlich durchfroren sind oder die unter menschlicher Kälte leiden, gibt Zimt Wärme, Schutz und Geborgenheit.

Zimt bringt auch das seelische Gleichgewicht zurück, er beruhigt und entspannt, wirkt stimmungsaufhellend und vitalisierend. Aber das war alles nicht so wichtig. Wichtig war die Geborgenheit und Wärme, die mir so lange gefehlt hat. Zimt hat mein Leben erwärmt, er war ein Helfer auf meinem Weg.

Und Vertrauen... Vertrauen ist für mich zimtfarben.
13.4.07 23:13


Ich find mich nicht.

Ich würde gerne wissen, wie das ist, wenn einen nicht jeden Tag dieses fremde Selbst einholt, das sich so unerbittlich aufdrängt, obwohl man es jeden Tag aufs Neue verleugnet. Und ich möchte diese grundlose Schlechtigkeit aus mir vertreiben, die mich in tausend Ecken drückt, bis ich zwischen den Stühlen zerspringe und nicht weiß, ob ich mich hassen oder fürchten soll. Einmal im Leben möchte ich wissen, woran ich bei mir bin, ohne zu denken, das bin nicht ich. Einmal im Leben möchte ich an mir festhalten, ohne wieder eine andere zu werden und wieder eine andere, nur um am Ende festzustellen, dass ich mir immer gleich entleert bleibe, egal wer ich bin. Jede Entwicklung führt wieder zu einer neuen Leere.
15.4.07 23:06


Autopilot

Ich spule automatisiert meinen Tagesablauf ab. Ich rede mit S., ich kaufe ein, ich putze, ich lese, ich lerne Englisch. Mein Kopf bleibt völlig entleert.

Denken: Off
Fühlen: Off
Handeln: Automatik

Die letzte Kontrollinstanz in meiner Seele hat mich auf Autopilot geschaltet. Da muss wohl irgendwas schiefgelaufen sein, sonst stünde ich nicht so neben mir. Nur was? Was?
17.4.07 12:04


Intelligenz & Sensibilität

"Sie sind jung, Frau K., und Sie haben in Ihrem jungen Leben Unsägliches erlebt. Wenn Sie nicht so gescheit und hochsensibel wären, dann wären Sie nicht mehr am Leben. Ich glaube, dass Ihre Intelligenz und Ihre Sensibilität Sie gerettet haben. Intelligenz macht unabhängiger und phantasievoller. Sie haben viele gute und richtige Entscheidungen für ihr Leben getroffen: in die Klinik zu gehen, wegzuziehen... Und Ihre Sensibilität hat Sie gezwungen, diesen Entscheidungen entschlossen nachzugehen."

Vielleicht war es nur unsägliche Sturheit, der unstillbare Lebenshunger, der mich neben aller Suizidalität begleitet hat, eine große Portion Dummheit, jede Menge Trotz und totale Desensibilisierung für die Schrecken in meinem Leben.
17.4.07 18:10


Tränen.

Weinen, weinen, Verzweiflung... aber endlich wieder ein Gefühl. Ich erzwinge es, zwinge mich, gegen die Leere zu kämpfen und dem irren Schmerz in mir Raum zu geben.

Es ist so schräg - ich könnte schreien! In meinem Kopf läuft alles rund. Rundherum, kreiselnd, mir wird schlecht, so schlecht... Bitte haltet meine kleine, beschränkte Welt an! Ich stürze, ich steige wieder auf. Mein kleines, aber abgrundtiefes Leben, meine dumme, wahnsinnige Seele - stürzen, stürzen...
17.4.07 19:29


Berührungspunkte

Was mich wirklich berührt hat, als ich heute, nach über einem Jahr, meine alten Klausurhefte aus der 13/1 geschickt bekam, war eine Postkarte, die zwischen den Heften herausrutschte. Sie zeigt Die Sternennacht von Vincent van Gogh, ein Bild, über das ich mal eine Klausur geschrieben habe, ist undatiert und es steht nur ein einziger schlichter Satz darauf.

"Liebe A., frohe Weihnachten und einen Himmel wie diesen!"
C. U.

C. U. - meine alte, geliebte, wunderbare Kunstlehrerin. Die Karte erreicht mich stark verspätet. Ich weiß nicht mal, ob sie zum letzten oder vorletzten Weihnachten geschrieben wurde. Aber sie ist ein Talisman für mich. Ein Zeichen einer alten Zuneigung über Kluften hinweg, die kaum zu überblicken waren. Ein Berührungspunkt.
18.4.07 14:02


Ich und das Dorf - Eine Interpretation

Interpretation, 15 12. 2005
Das vorliegende Bild "Ich und das Dorf" von Marc Chagall aus dem Jahre 1911 zeigt im Vordergrund einen grünen Männerkopf und den einer weißen Kuh mit sehr menschlichen Augen und einer Perlenkette um den Hals, die sich anblicken, in der Hand des Mannes am unteren Bildrand ein blühendes Bäumchen. Es gibt keinen deutlichen Mittel- und Hintergrund, aber am oberen Bildrand und proportional deutlich kleiner befindet sich eine Häusergruppe, darunter eine Synagoge mit Rabbi, unterhalb davon die Gestalten von Bauer und Bäuerin, im Wangenbereich der Kuh befindet sich eine melkende Magd (samt Kuh); auffällig sind zwei Häuser und die Bäuerin, die auf dem Kopf stehen.

Im Gesamteindruck wirkt das Bild auf tänzerische Weise bunt und fröhlich wie eine verklärte Erinnerung, in der verschiedene miteinander verknüpfte Bilder gleichzeitig aufblitzen und sich gegenseitig überlagern, wobei eines - das der Verbindung zwischen Mann und Kuh - ganz klar im Vordergrund steht. Mich persönlich erinnert das Bild an geliebte Lyrik von Rilke, das "Karussell" etwa - "und dann und wann ein weißer Elefant" - es hat etwas von derselben Leichtigkeit und Eindrücklichkeit.

Hier liegt eine bestechende Farbigkeit vor, kraftvolle Töne und deutliche Kontraste, immer wieder zwischen Rot und Grün (Gesicht des Mannes vs. Hintergrund) Warm und Kalt (Hintergrund vs Vordergrund, was die Raumillusion völlig aufhebt), Hell und Dunkel (vor allem innerhalb einzelner Elemente); die Farbigkeit ist individuell, Lokal- und Erscheinungsfarbe liegen nur sehr begrenzt vor und sind vielfach noch innerhalb des Motivs aufgehoben (perfektes Beispiel: Die Kuh - zwar gibt es weiße Kühe, aber keine mit blauen Wangen). Es gibt keine Stofflichkeits- und nur sehr bedingte Körperillusion, die Motive wirken eher flächig, Unrisslinien existieren nur zum Teil, dafür zieht Chagall Linien mit der Farbe durch die Farbe, um Elemente zu begrenzen oder kubistische Elemente zu schaffen.

Damit wären wir bei der Komposition: Es gibt klare kubistische Elemente - geometrische Figuren - ein Kreis etwa mittig ist deutlich zu erkennen, ein Halbmond unterhalb der Kuh, die Elemente des Bildes sind vereinfacht, so hat der Kopf der Kuh eine dreieckige Form, und es gibt Aufteilungen von Gründen. Der Pinselduktus geht zumeist mit der bedingten Flächigkeit konform, teilweise ist er auch klar erkennbar aber nie aufdringlich - er tritt hinter die Motive zurück. Die Proportionen bzw. Größenverhältnisse sind aufgehoben (Figuren vs. Häuser; Bäumchen vs. Hände). Der Grad der Abstraktion des Bildes ist demnach relativ hoch, ohne das Motiv, die Idee, die dahintersteht, aus den Augen zu verlieren. Die kubistischen Einflüsse habe ich bereits erwähnt, dazu kommen expressionistische, die sich vor allem in Farbigkeit und der Aufhebung von Raum- Körper- und Stofflichkeitsillusion zeigt - der grüne Mann, ein Motiv, das mehr als einmal bei Chagall auftaucht - das ist ganz klar Ausdrucksfarbe genau wie das Blau in der Kuh.

Bei Chagalls Werken handelt es sich um eine "malerische Zusammenstellung von Einzelbildern", die den Künstler "heimsuchen", eine Collage von Eindrücken also, in diesem Fall wohl Erinnerungen an das heimatliche Dorf - und hier komme ich wieder auf meine ersten Eindrücke zurück, die der verklärten Erinnerungen, zu denen vordergründig eine Liebe gehört - "eine Kuh ist für mich eine Frau", sagt Chagall, der grüne Männerkopf mit der typischen Schirmmütze ist in Chagalls Symbolsprache das "Ich", Chagall selbst. Eine Liebschaft zwischen Chagall und einer Frau im Dorf, der Kuh mit den menschlichen Augen, vielleicht sogar der melkenden Magd. Zwischen den Augen der Kuh und denen des grünen Mannes besteht eine sichtbare Verbindung in Form einer weiß-violetten gestrichelten Linie, es herrscht Blickkontakt und mehr, es knistert geradezu, könnte man sagen, alles andere, die ganze Umgebung können die beiden darüber vergessen, da kann die Welt kopfstehen - und da haben wir die kopfstehende Bäuerin samt Häusern - hier herrscht intensivste Zwiesprache. Das Bäumchen, der Kuh überreicht, hat eine Doppelbedeutung: als Nahrung für die Kuh oder als Geschenk für die Geliebte - die Liebe nährt. Die Augen des grünen Mannes sind quasi die Negation derer der Kuh, die Pupille ist weiß, der Augapfel schwarz, vielleicht haben wir hier den Hinweis auf die totale Ergänzung von zwei Seelen, ähnlich wie wir das heute von Yin und Yang kennen, oder die Anziehung zweier entgegengesetzter Pole. Sicher ist nur, dass die Erinnerung an diese Liebe untrennbar mit der an das Dorf verbunden ist.

Im Hintergrund die Synagoge - das bringt mich auf das Hohelied der Liebe in der Tora, ein Vergleich mit diesem Bild scheint mir, obgleich Chagall selbst sagt, seine Bilder seien "auf gar keinen Fall Literatur", angemessen. Das Hohelied ist der vielleicht schönste Teil der Tora, er widmet sich ganz der poetischen Beschreibung der Liebe, die gleiche Art von Poesie, die sich in dem vorliegenden Bild von Chagall findet, reich an Metaphern, reich an Farbigkeit. Die Metaphorik scheint mir in Chagalls Bild mit der starken Abstrahierung unterstrichen zu werden, es geht hier gar nicht so sehr um die Form oder die Farbigkeit, das alles ist Mittel zum Zweck, merkwürdigerweise einem Zweck, der dem Künstler selbst nicht bewusst war: "Ich verstehe meine Bilder überhaupt nicht", behauptet Chagall. (Prinzipiell könnte man an dieser Stelle die gesamte Rezeption von Kunst infrage stellen - und damit auch diese Klausur.) Dennoch verstehen wir den Zweck oder vielleicht vielmehr den Weg des Bildes, das ist das Spannende daran, Chagall erreicht uns mit seinem Werk, und da ist es im Prinzip egal, was er damit gemeint hat, oder ob er selbst verstanden hat, was er da produziert hat. Das Bild ist ein Kraftspender und eine Liebeserklärung, eine Erinnerung und eine Ansammlung von Metaphern - und es ist durch und durch poetisch denn: Die Kunst wird erst im Auge des Betrachters vollendet.


Beurteilung:
A., deine Arbeit war für mich eine wahre Bereicherung!
Du schaffst es, die Dinge auf den Punkt zu bringen, sie überblickend zu analysieren, zu reflektieren und kritisch zu hinterfragen. Du schaust tief in die Materie hinein, fühlst dich hinein und kannst deine Erkenntnisse strukturiert formulieren.
Deine Fähigkeit, über die Analyse und Interpretation hinauszugehen und weiterführende Wege zu eröffnen, ist beeindruckend.
17. 1. 2006. Sehr gut+ (15 Punkte)
18.4.07 21:50


Lebenswert #7

+ neue schwarze 30-Loch-Stiefel
+ Sommerklamotten einkaufen gehen
+ Seelenschwestern-Emails
+ der Englischkurs geht wieder los
+ mit dem Rad durch die Nachtluft brausen
+ in alten Kunstklausuren blättern
18.4.07 22:06


Bescheidenheit mag eine Zier sein...

...aber eine, die nicht (mehr) zu mir passt. Ich bin nicht mehr das liebe, nette, schüchterne Mädchen, das man mir aufgezwungen hat. Ich halte meinen Mund nicht mehr, ich will mein Licht nicht unter den Scheffel stellen - was ich tue, das tue ich mit voller Kraft und dafür will ich die Anerkennung, die ich verdiene.

Zwanzig Jahre lang habe ich mich versteckt, ich habe sämtliche Wege herausgefunden, soweit wie möglich zu verschwinden, zu verblassen, niemals aufzufallen. Und ich habe es satt. Ich will aus dem Schatten heraustreten. Ich will aufsteigen wie der Phönix aus der Asche!

Das hier ist mein Raum, den ich ganz ausfüllen darf und werde. Hier zeige ich mich, wie ich bin, ungeschminkt, am Boden zerstört, suizidal, ängstlich, misstrauisch, wie ich manchmal bin - aber auch mit allem, was ich kann und was ich zu bieten habe, mit meinen Wünschen und Hoffnungen. Ich zeige, was mich berührt, was mir Kraft gibt und gegeben hat, was ich brauche und was ich will. Und dann, ja verdammt, dann hol ich mir den Respekt der mir gebührt.

Bescheidenheit mag eine Zier sein... aber ich ziere mich nicht.
18.4.07 23:03


Traumgespinste #10

Ich träume von C. U. und meinem Vater.

Er schläft im Hinterzimmer mit ihr - ich weiß nicht, ob er sie vergewaltigt oder ob sie es auch will -, während ich vor Verzweiflung keine Luft mehr bekomme, nicht aus der Wohnung fliehen kann und nicht weiß, wie ich mich selbst beschützen soll, nicht weiß, ob ich gleich als nächste dran bin... C. U. schreit - es bricht mir das Herz. In der Wohnung herrscht das reine Chaos. Im Traum ist diese fremde Wohnung unser zu Hause und mein Vater ein Eindringling, vor dem ich mich wieder einmal nicht retten konnte.

Ich wache auf und denke im Halbschlaf daran, Frau Österreich anzurufen, während ich noch um die Realität ringe: Ist es echt? Nein, es ist vorbei, so ist das nie gewesen, es ist nur ein Traum, ein Traum. Ich schwitze und mein Herz klopft mir bis zum Hals. So gerne würde ich das alles Frau Österreich erzählen, aber wie immer rufe ich nicht an.
21.4.07 12:17


Ich war beim Allergologen.

Wie es aussieht hat mein Vater mir nebst seinem ultimativen Matschauge auch noch die eine oder andere Allergie vermacht. Die ganze Familie K. strotzt nur so vor miserablem Erbgut und man könnte sich fragen, warum wir irgendwie doch überlebt haben - ich würde sagen, es liegt daran, dass dank der modernen Medizin kaum noch natürliche Selektion stattfindet. Schwache Lungen und Bronchien, schlechte Augen und schwere Allergien gegen Pollen, Tierhaare, Fischeiweiß und weiß der Geier was noch alles liegen also in der Familie und bisher schien es so, als sei der Kelch an mir vorübergegangen. Pustekuchen! Ich bin gerade dabei, einen allergischen Bronchialasthma zu entwickeln (mindestens Birke), muss ein Asthmaspray benutzen und darf keine Möhren, Äpfel, Kirschen und Nüsse mehr essen.

Herzlichen Glückwunsch, Frau K., Ihre gewählte Todesart: Ersticken.
21.4.07 12:32


Abwehr

"Ich habe Sie voller Abwehr kennengelernt. In Abwehr Ihrer starken Gefühle, Ihrer schweren Erinnerungen, Abwehr von Kontakten, die Ihnen nicht gut tun, Abwehr von Dissoziationen, von Suizidgedanken... In ständiger Alarmbereitschaft, weil Sie sich vor so vielen Verletzungen schützen müssen, und die meisten kommen von Ihnen selbst. Das kostet alles so viel Kraft."

Es kostet Unmengen von Kraft. Ich schlage eine Schlacht nach der anderen und jede verliere ich, weil ich die meiste Zeit gegen mich selbst kämpfe.

Wie soll ich damit aufhören? Ich kann mich nicht von den Gefühlen überfluten lassen, ohne beinahe wahnsinnig zu werden und im Affekt Dinge zu tun, die ich später bereuen würde. Ich muss den Erinnerungen trotzen, wenn ich nicht daran zerbrechen will. Ich darf und soll nicht ständig dissoziiert herumlaufen. Und niemand möchte, dass ich meinen Selbstzerstörungsphantasien nachgebe, so gern ich es auch manchmal tun würde.

Die Abwehr ist meine einzige Strategie gegen mich selbst.
25.4.07 11:38


Ein Schnitt heißt überleben.

Frau Österreich sagt immer: "Es ist besser, wenn Sie sich verletzen, als wenn Sie sich umbringen. Wenn es nur die Wahl zwischen diesen beiden Optionen gibt, dann verletzen Sie sich lieber. Aber noch besser wäre, wenn es gar nicht so weit käme."

Aber wer verzeiht mir, wenn ich mich schneide? Es schien mal gut zu sein, negative Konsequenzen auf Selbstverletzung folgen zu lassen, weil positive Konsequenzen (wie z.B. Mitgefühl, das Verbinden der Wunden, jede Art von Aufmerksamkeit) - laut Verhaltensforschung - ein Verhalten verstärken können. Aber Mitgefühl war nie ein Grund für mich, mich zu schneiden. Ich wünschte, es würde einfach niemand beachten, wenn es mal wieder der allerletzte Ausweg ist. Ich wünschte, man würde mich auf diese Art überleben lassen, statt mich damit noch in die Ecke zu drängen. Natürlich weiß ich, dass es nicht gut für mich ist. Das muss man mir nicht ständig auf die Nase binden. Bitte lasst mich. Lasst mich einfach. Bitte verzeiht mir, wenn ich es tun muss, und reitet nicht immer darauf herum.

Bitte.
25.4.07 11:43


Taubstumm

Manchmal ist alles in mir so stumm. Dann klappert die Tastatur ganz laut und jedes Blinken auf dem Monitor drängt sich mir auf. Ich schreibe gegen das Schweigen. Aber es nützt nichts - meine Worte kommen nirgendwo an. Ich bin wie taub. Spüre nicht, dumpf im Kopf. Drängt sich mir auf. Durchdringt mich. So dumpf, dumpf in allen Gliedern, stumm und taub. Taubstumm.
25.4.07 12:42


Meine Augen...

... brennen vom ständigen Weinen. Die Tränen laufen weiter, immer weiter. Ich bin nicht zu beruhigen. Mir ist danach, zu schreien, laut aufzuschreien, aber ich kann nicht. Ich geb niemals die Kontrolle ab. Nicht mal, wenn ich weine. Gleich nehm ich noch Tavor, Melperon und Dominal und dann werde ich schlafen gehen. Ein paar Stunden die Seele ruhigstellen.
26.4.07 14:25


Wozu Tränen gut sind

Dreimal war ich diese Woche bei Frau Österreich. Ich habe um mein Leben geweint. Ich habe Tavor genommen und einfach überlebt.

Ich weiß jetzt wieder, dass ich in mir eine Tiefe und Weite habe, die in meinem beschränkten kleinen Geist keinen Platz findet. Ich möchte alles so gern geordnet und berechenbar haben, damit ich es mit meinem Verstand fassen kann. Aber in meiner Seele befindet sich ein ganzes, chaotisches, gesetzloses Universum.

Wenn ich nicht so sehr geweint hätte in den letzten Tagen, dann hätte ich vielleicht einfach vergessen, wie sehr ich weinen muss, um meine Seele zu reinigen. Ich hätte mein Korsett enger und enger geschnürt und wäre an mir selbst erstickt.

Es gibt so viel zu betrauern. So viel, dass ich lieber gar nichts betrauern möchte. Man sagt mir so oft, ich wirke so traurig, so verletzt - aber ich spüre nichts davon. Ich muss stark provoziert werden, damit ich meiner Trauer wieder einen Platz anbiete.

Heute spüre ich mich wieder. Ich habe die Leere mit Tränen gefüllt und die Tränen haben das Leben in mich zurückgeholt.
27.4.07 12:39


Ich würde eigentlich gern mehr wissen.

Ich würde gerne meine Mutter fragen, wie sie alles gesehen hat, wie sie meinen Vater sieht, den Dr. Jekyll/Mr. Hyde... noch trau ich mich nicht, sie zu fragen. Aber ich will meine eigenen Spuren suchen gehen. Ich will es wissen. Wie das war. Warum mir niemand geholfen hat. Ob ich wirklich so undurchschaubar war. Was andere gesehen oder nicht gesehen haben. Vielleicht finde ich etwas, das mir sagt, nicht ich war falsch, nicht ich bin die Schuldige. Vielleicht helfen mir Sichtweisen von außen.

Wen also könnte ich fragen?

Da gibt es diese Therapeutin, bei der ich mit 9 war, ich will sie fragen, was sie gesehen hat. Sie hieß Frau Gebauer. Ich glaube, E. Gebauer, aber ich bin mir nicht sicher. Wenn ich noch wüsste wo das genau war - irgendwie muss ich Kontakt zu ihr aufnehmen.

Dann meine alte Grundschullehrerin. Die Adresse weiß ich, ich könnte ihr schreiben - aber ich glaube, ich war sehr unauffällig in der Schule.

Ich glaube, sonst gibt es kaum jemanden, der mir wirklich Auskunft geben könnte. Ich war verschlossen und immer darauf bedacht, nicht aufzufallen. Ich kann mich nicht erinnern, dass jemand mehr über mich wusste, als dass ich gerne las, Tiere mochte und sehr still war. Meine Onkel, Tanten und Großeltern hatten nur sehr sporadischen Kontakt zu uns oder waren unendlich verstrickt in dieses kranke Familiensystem.

Nun, ich werde suchen. Ich werde nachdenken, wen ich noch fragen könnte. Ich werde eine Liste erstellen und die Adressen oder Telefonnummern der Betreffenden herausfinden. Und dann werde meine Liste abarbeiten, nach und nach, und mehr über meine Kindheit herausfinden.
28.4.07 19:04


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