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Wise Mind

Es geschieht, was geschehen muss. Das ist einfach so. Wenn es im Leben richtig läuft und man auf die eigene Intuition vertraut, wenn man die Entscheidungen trifft, die das Leben fordert - dann hat man ein Schlüsselerlebnis nach dem anderen. Alles fühlt sich richtig an und was noch nicht richtig ist, das rückt man zurecht, weil man genau spürt, wie es sein muss. Man läuft Menschen über den Weg, die einen weiterbringen. Man wächst aus manchen Schuhen hinaus und in andere hinein. Man bekommt Chancen genau dann, wenn man sie braucht. Man findet neues Terrain, wenn es gerade fehlt. Nur den Mut, sich darauf einzulassen, den muss man selbst mitbringen.

Ich habe innerhalb von nicht einmal drei Jahren mein ganzes Leben umgekrempelt. Ich mache schon sehr lange Therapie und lerne trotzdem gerade erst, wie es ist, wenn das eigene Leben zum ersten Mal einem selbst gehört. Mein Leben war sicherlich nicht leicht, ich habe einiges durchgemacht und hart arbeiten und kämpfen müssen, um dorthin zu kommen, wo ich heute stehe. Aber ich spüre - ich verbiege mich nicht mehr.

Und nun geschieht genau das, was geschehen muss. Das ist eine überraschende Entwicklung in meinem Leben.
2.2.07 14:13


Selbstfremd

Ich schaue in den Spiegel - mein Gesicht könnte auch jemand anderem gehören. Dieser Blick auf Fotos ist mir unbekannt. Die hellen Augen entsprechen nicht meinem Wesen. Hohe Stirn, ein entschlossener Zug um den Mund. In mir fühle ich mich ganz anders an.

Ich höre mich sprechen und meine Stimme ist mir fremd. Schweigen schmeckt besser. Mich nicht hörbar machen, um mich selbst nicht zu spüren. Nicht mehr wissen, ob ich überhaupt eine Stimme habe, und leises Räuspern verklingt im Raum spurlos.

Ich spüre mein Herz schlagen, der Puls passt nicht zu mir. Fremd, fremd, so fremd. Hände, der Anblick so vertraut. Passen nicht zu meinem Körper und bewegen sich wie Fische - gleich fallen sie von mir ab und sind niemals meine gewesen.

Die Kälte in Händen und Füßen wird nicht mehr spürbar. Bewegungsbefehle finden keinen Weg mehr zu den Gliedern. Ich schaue aus meinen Augen und bin dahinter eingesperrt, mein Körper ein Kerker.

Fremdheit macht Angst. Und dann kommt der Hass. Den Körper zerstören und loswerden. Weil ich nur Geist bin.
2.2.07 19:30


Traumgespinste #6

Ich habe intensive Alpträume jede Nacht und schlafe wieder schlechter. Ohne Zopiclon und Zolpidem läuft nichts. Dann immer wieder Angst, Kälte, Selbstfremdheit, Unruhe, Niedergeschlagenheit und das Gefühl, furchtbar schmutzig und hässlich zu sein.

Ich gebe mir Mühe, mich nicht zu schlecht zu behandeln. Es gibt einiges zu tun, aber es ist schwer, die Dinge anzufangen. Es ist keine Apathie, ich bin nur in mich gekehrt.

Meistens brauche ich eine Weile, um die Alpträume abzustreifen. Mein Schlafrhythmus ist durcheinander geraten und die Träume machen es nicht besser. Zerschlagenheit. Morgens bereits mit dem Gefühl aufstehen, man habe etwas verkehrt gemacht oder sei einfach dumm. Selbst bis in meine Träume verfolgen mich die hohen Ansprüche von anderen, die ich nicht erfüllen kann. Vielleicht sind es auch meine eigenen, die ich anderen anlaste. Und ich spüre, dass diese Ansprüche einfach unmäßig sind. Aber mein Versagen macht mich wertlos.

Ich habe ein halbes Jahr, um mich von meinem Anspruchsdenken etwas zu befreien, nur insoweit, dass ich nicht mehr von Schwäche und unerfüllten Ansprüchen in verschiedene Richtungen auseinandergerissen werde. Bis zum Sommer muss es besser werden, damit ich Kraft habe, meine Ausbildung anzugehen, und nicht doch am Ende wieder versage. Noch ein Versagen könnte ich mir nicht verzeihen.
5.2.07 13:22


Jane Eyre

Selten habe ich mich beim Lesen eines Romans so aufgehoben gefühlt, so zu Hause. Ich nehme das Buch mit in die Straßenbahn, mit zur Therapie und ins Café. Die ersten zehn Kapitel haben mich völlig für Janes Geschichte eingenommen und ich fühle mich von den Zeilen nicht nur angesprochen, sondern geradezu beschützt.

Jane Eyre von Charlotte Brontë, vor 160 Jahren erstmals erschienen, ist ein Buch, das mich einsaugt und fesselt, nicht durch herausragenden Stil, sondern durch die authentische Figur Jane, durch das klare, schnörkellose Gedankengut und den hervorragenden Plot. Jane widerspricht dem Frauenbild ihrer Zeit in schockierender Weise - und bleibt trotzdem aufrichtig und absolut sie selbst. Sie ist keine Rebellin. Sie legt ihren Zorn ab, bevor es soweit kommen kann. Aber sie ist nicht schwach, ängstlich und zerbrechlich. Janes Geschichte ist erzählenswert, nicht langweilig und eine Aneinanderreihung von literarischen Ergüssen, wie ich sie beinahe erwartete, als ich das Buch zur Hand nahm. Nein, die Gedanken sind klar formuliert. Keine seitenlangen Liebesbriefe, keine überzogene Dramatik. Und am Ende wird Jane die Siegerin sein. Durch ihre Charakterstärke.

"Ich bin kein Vogel, und kein Netz umgarnt mich, ich bin ein freier Mensch mit einem freien Willen."

- Dieser Artikel darf als Empfehlung aufgefasst werden. -
5.2.07 23:49


Seele hinter Plexiglas

Wenn du jetzt einfach aufgibst - wie soll ich dann weiterleben? Du würdest in meinem Leben das Zeichen setzen, dass man es nicht schaffen kann und dass wir verdammt sind, zu versagen. Du würdest damit der ganzen Welt sagen: Es geht nie vorbei. Man kann es nicht überleben. Man stirbt daran. Und ich müsste dir glauben. Du glaubst doch nicht, diese Entscheidung beträfe nur dich! Du kannst nicht einfach aufgeben!

Du hast es mir doch versprochen.
6.2.07 15:15


(Denk)Prozesse

Bis ich 15 war, war ich sicher, ich würde mich töten, bevor ich 16 würde. Heute bin ich 21 und eine Über.lebende.

Bis ich 16 war, war ein Leben vor dem Abitur für mich keine Option. Ich hatte niemals daran gedacht, dass es für mich tatsächlich andere Möglichkeiten geben könnte. Heute bin ich zweifache Schulabbrecherin und kämpfe ich um einen Platz an einer Berufsschule, aber ich bin weniger engstirnig.

Bis ich 17 war, hatte ich ein überholtes und verzerrtes Bild von Psychiatrien und konnte mir nicht vorstellen, jemals eine zu betreten. Heute blicke ich auf einige mehrmonatige Psychiatrieaufenthalte zurück.

Bis ich 18 war, glaubte ich, meine Familie würde zerbrechen, sich gegenseitig zerfleischen und daran sterben, wenn ich jemals wegginge. Heute sehe ich, die Illusion Familie ist zerbrochen, aber niemand ist daran gestorben außer den Lügen und Vergewaltigungen.

Bis ich 19 war, war ich todunglücklich und schwer abhängig von missbrauchenden Eltern. Heute gehört mein Leben endlich mir.

Bis ich 20 war, konnte ich mir nicht vorstellen, jemals aus Bielefeld wegzuziehen. Heute wohne ich mitten in Ruhrgebiet.

Die Reise beginnt im Kopf.
7.2.07 11:05


Wir sind zum Kämpfen und Ausharren geboren.

[...]
Wie heiß mir auch das Blut durch die Adern rann, wie wild auch mein Herz schlug - ich musste standhaft bleiben.

Charlotte Brontë: Jane Eyre

Heute morgen sah ich diese Frau an der Ampel, aschblondes Haar, altmodisch frisiert, abgeschabte Kleider, graue Augen, ein Kind an der Hand. Sie steckte sich eine Zigarette an und blies dem Kind den Rauch ins Gesicht. In ihren Augen war kein Glanz, keine Wünsche, nichts. Sie sah aus wie jemand, der völlig resigniert hat und es nicht einmal merkt. - Ich hatte kein Mitleid - es hat mich wütend gemacht! Wütend auf diese Dummheit, diese mangelnde Verantwortung, diese Trägheit und fehlende Sensibilität. Alles an dieser Frau war so grau und verwaschen, nicht nur ihre Kleider, sondern auch ihre Augen, Haare, jede Bewegung. Keine Wünsche, kein Ehrgeiz, kein Glück, kein Unglück. So möchte ich niemals, niemals sein. Ich könnte nie so sein. So gebrochen, ohne es selbst zu spüren. Nein. So ist das Leben nicht. So kann es nicht sein. Es gibt keine Angst in mir, die größer ist, als die Angst vor dieser Leere und diesem Grauen.

Ich bin zum Kämpfen geboren, nicht zum Resignieren.

Meine Angst wird mich nicht aufhalten. - Ich nehme mein Leben in die Hand.
7.2.07 18:37


Lebenswert #4

+ Endlich Schnee!
+ Starker, tiefschwarzer Tee
+ Einen Englischkurs machen
+ Und Spaß am Lernen
+ Heute abend Blasorchester in Dortmund
+ Die Angst tausendmal besiegen
+ Von der BKK über 300,- € zurückbekommen
+ Jeden Tag einen Trüffel zum Üben
+ Und es sich manchmal wirklich wert sein
+ Herr der Diebe anschauen
+ Frühstück mit Kerze
+ Das Wort "Aufgeben" aus meinem Wortschatz streichen
8.2.07 13:16


Umstrukturierung: Notfallkoffer

Ich habe mir die Mühe gemacht, in stundenweiser Kleinarbeit den Notfallkoffer besser zu strukturieren. Die Skills sind nun in Form von Karteikarten auch schriftlich bestimmten Situationen zugeordnet - hier habe ich dem eine eigene Unterseite gewidmet, zu finden unter stresstoleranz. Diese Strukturierung hat den Vorteil, dass ich nur noch feststellen muss, was ist mit mir, und dann nachschauen kann, was hilft, ohne viel Denken, denn Denken funktioniert sowieso nicht mehr gut, wenn ich unter starkem Stress stehe. In den nächsten Wochen wird sich herausstellen, ob mein Plan aufgeht. Auf in den Kampf!
10.2.07 15:06


Tränen lösen den Panzer auf

Etwas in mir hat sich verändert. Lange Zeit konnte ich nicht weinen. Ich habe jahrelang so gut wie nie geweint, bin sehr ruhig geblieben und habe nach außen hin nur Kühle gezeigt. Alles und jeden auf Distanz gehalten. Und jetzt, nach elf Monaten in einer neuen Umgebung, nach neun Monaten mindestens wöchentlichem Gespräch mit Frau Österreich - jetzt geht es auf einmal los. Seit Januar vergeht kaum eine Stunde ohne Tränen. Irgendein Damm ist gebrochen. Ich breche mein eigenes, mir auferlegtes Eis.
13.2.07 15:35


Aber es fühlt sich so an...

"Sie tragen es, als wäre es eine Schande. Dabei ist es in Wirklichkeit eine Verletzung, eine tiefe Wunde."
13.2.07 16:08


Große Liebe

Manchmal, wenn ich die Besteckschublade aufmache, denke ich, wie wunderbar das ist - das Besteck habe ich aus der BroSa zusammengesucht, die kleinen Löffel passen sogar alle bis auf einen zusammen. Und daneben diese frischen Lappen noch in der Verpackung, gelb, orange und blau. Und diese Dinge gehören mir, diese Wohung ist meine und ich muss sie mit niemandem teilen und brauche niemanden reinzulassen, wenn ich nicht möchte. Keiner zwingt mich, ans Telefon zu gehen, und ich kann die Fenster öffnen und dem Wind in den Birken lauschen.

Manchmal gehe ich dann ins Bad, nur um zu sehen, dass es meines ist, um einen Blick auf die altrosa Fliesen zu werfen und die saubere, weiße Badewanne. Das ist ein so erhabenes Gefühl, dass ich manchmal zu träumen glaube. Ich schaue die weißen Wände an, die ich selbst gestrichen habe, und streiche mit dem Finger über die rauhen Oberflächen in der Küche.

Aber am besten gefällt mir das Besteck, mein Besteck, das mal anderen Leuten gehört hat, aber jetzt gehört es mir. Ich habe fünf Gabeln und eine davon hat besonders lange Zinken, das ist meine Lieblingsgabel. Und bei den Messern ist eines, das noch richtig gut schneidet und gut in der Hand liegt.

Meine Tassen liebe ich auch. Da ist der blauweißgestreifte Becher mit den Wellhornschneckenhäusern von Langeoog, daneben die lila Elfentasse von meiner Seelenschwester. Die uralte, ehemals weiße Peanutstasse ist von T., meiner besten Freundin. Und die henkellose lila Tasse mit dem Fisch ist, genau wie die braune mit dem Pony drauf und die blaue mit dem Wurm drin und die dunkle mit der Eule, vom Töpfermarkt in Bielefeld, der jedes Jahr auf der Sparrenburg stattfindet und wo es immer regnet.

Ich liebe diese Dinge. Es ist schön, in dieser Wohnung endlich ein zu Hause gefunden zu haben - mit meinen Tassen und meinem Besteck aus der BroSa. Und der ausrangierten Omaküche und dem hellblauen Sofa, den orangen Spannbettlaken, den Wörterbüchern in fünf Sprachen, dem "Stars & Passion"-Poster von Heiner Meyer, Esmeralda, meiner Posaune und dem alten Bett.
13.2.07 16:53


Sprachbarrieren

Da ist eine Sperre in mir. Die Worte strangulieren mich. Dinge verbleiben in meinem Kopf. Nur dort. Gedanken, die man nicht denken darf. Bilder, die man nicht sehen darf. Schmerzen, die man nicht spüren darf. Eine Schande, die niemand bemerken soll.

Fangen Sie doch einfach irgendwo an, Frau K. Nennen Sie mir nur ein Wort. Oder den Gedanken, der am wenigsten schlimm ist von den unaussprechlichen.

Ich schweige mich aus. Mir hat es im wahrsten Sinn des Wortes die Sprache verschlagen. Mir, der Frau, die ihre Zunge nicht hüten kann, die immer eine schlagfertige Antwort und einen bitterbösen Spruch auf den Lippen hat. Miss Sarcasm in persona. Frau Professor. In den Therapiestunden wird die Wortgewandte auf einmal ganz still. Jedes Wort scheint sich im Mund tausendmal herumzudrehen, um dann ganz falsch herauszukommen. Und dann werde ich immer wortkarger. Die am häufigsten gebrauchte Phrase der Frau K.: "Ich weiß (es) nicht." Ich weiß tatsächlich so vieles nicht. Woher kommt dieses Gefühl? Wie stellen Sie sich denn ihr Leben vor? Was haben Sie vorgestern gemacht? Warum erschreckt Sie das so? Wer hat Ihnen das aufgedrückt?

Ist das denn wirklich so schwer, verdammt?

Das ist es, das ist es. Wie soll ich das von Angesicht zu Angesicht aussprechen? Wem kann ich dabei denn noch in die Augen schauen? Was von dem in meinem Kopf ist eigentlich überhaupt wahr und was schon längst verzerrt? Und wird man mich ernstnehmen - oder einfach niedertreten, wie die Pflegerin, die meine Texte über den emotionalen Missbrauch las - und sagte: "Alles halb so schlimm."

Und manchmal habe ich einfach nur Angst, dass ich kotzen muss, wenn die Worte schon in der Kehle stecken bleiben, und ich sie dann doch ausspreche.
14.2.07 23:01


Nonsens-Beschäftigungen

Beispielsweise Textmarker in Regenbogenfarben auf- und abwärts sortieren, 333 Büroklammern exakt nach Osten ausrichten oder den Papiervorrat im Faxgerät Blatt für Blatt durchzählen. Und nicht ablenken lassen.
Norbert Pautner: Statt Zigaretten

Alternativ und je nach Neigung: Sich Namen für Themenweblogs ausdenken und überprüfen, ob sie schon existieren (sagen wir mal: Pro-Ana-Weblogs*), alle blauen Gegenstände im Raum ausfindig machen, drei Würfel so oft werfen, bis sie alle drei die gleiche Zahl zeigen, ein Kartenspiel erst nach Farben sortieren, dann nach Symbolen, aufsteigend und absteigend, erfundene Wörter googlen, das Kleingeld im Portemonaie sortieren und durchzählen.

Warum auch immer, aber diese Dinge helfen, den Kopf frei zu machen, sie schaffen eine Illusion von Ordnung und bieten Beschäftigung und Ablenkung, ohne anstrengend zu sein. Zehn Minuten Nonsens und eine Tasse Tee... und man kann wieder vernünftig arbeiten.

__________________________

*Anm. d. Red.: Verwunderlich, dass Blogs mit den Namen ana.to.mia, ana.gramm, ana.dyomene, ana.chronism oder ana.thema bisher nicht existieren. Mangelnde Phantasie? Kein Wörterbuch?
15.2.07 16:55


Lebenswert #5

+ Cola trinken
+ Neuer schwarzer Rock
+ Neuer schwarzer Pullover
+ Ringelstrümpfe
+ Englisch ist ein Klacks
+ Übermorgen DSA spielen
+ Diese Woche einfach alles geschafft
+ Marc Chalvin
+ Gleich Crossing Jordan schauen
16.2.07 19:23


Janusgesicht

Zwei Seiten. Zwei Blickwinkel. Zwei Willen. Zwei Meinungen. Zwei Gefühlsstandpunkte. Hin- und hergerissen.

Emotional ist nichts in Ordnung. Gar nichts. In den letzten Monaten habe ich immer wieder gelesen und gehört: "Ich bewundere deine Einstellung. Ich bewundere, was du geschafft und geleistet hast. Ich bewundere, wie du deinen Weg gehst." - Das tue ich und ich lasse mich nicht mehr davon abbringen. Aber in mir tobt immer noch das Chaos und meinen eigenen Erfolge verbieten mir immer mehr, es auszusprechen. Es gibt Bilder, Gedanken und Wünsche in mir, die ich nicht einmal hier (noch) zu schreiben wage. Mein Denken bewegt sich in zwei Richtungen und zerrt an mir. Meine Gefühle klaffen mit jedem Tag mehr auseinander. Es sieht so gut aus - aber in mir ist es so finster und hässlich.

Ambivalenz. Affektiv. Voluntär. Intellektuell.

Ich wünsche mir, clean zu bleiben, ich wünsche mir, nie wieder dermaßen abgeschossen zu sein, nie wieder so unglücklich alkoholisiert. Und gleichzeitig will ich diesen inneren Wahnsinn zurück, dieses Getriebensein, die Skrupellosigkeit, die Schmerzen. Die verdammten Schmerzen will ich wiederhaben. Mein Leben will ich wiederhaben, wie es mal war. Das Wissen, da hinten habe ich eine Klinge und ich muss nur drei Schritte machen und das Verbandszeug zurechtlegen... 24 Stunden am Tag kämpfe ich für die eine Seite und gegen die andere. Ich bin immer noch gefährdet. Meine Gedanken kreisen um Suizid, Tablettenmissbrauch, SvV.

Es ist nicht alles gut und niemand hat je behauptet, dass es leicht wäre. Niemand hat behauptet, dass es jemals wieder gut werden würde. Und vielleicht wird es das auch nicht.

Janus, der Blick in die Vergangenheit und gleichzeitig in die Zukunft. Janus, das Tor, in dem ich stehe. Die Grenze, auf der ich balanciere, die Grenze zwischen schwarz und weiß.

Ich bin
ein Janus
vergiss das nicht
17.2.07 19:21


Im Therapiezimmer.

Der PVC-Boden ist mein bester Freund. In den schwarzen Schlieren entdecke ich tausend Gesichter. Eine hübsche Spanierin mit Dutt. Ein Drache, der mir genau in die Augen schaut. Ein Greis mit bösen Augen und dunklem Bart. Eine Wolfskatze. Ein Welpe mit einer schwarzglänzenden Nase.

Während ich rede, distanziere ich mich innerlich und blicke in die PVC-Gesichter. Ich erzähle stockend. Die Gesichter sind unbeteiligt und ruhig. Meine Freunde. Ich bin nicht mehr allein, wenn ich von den schweren Dingen spreche. Ich bin ganz weit weg. Losgelöst von meinem Körper, der mich nur wie eine Hülle umschließt - das bin nicht ich, es ist nur eine Verkleidung, durch deren Augenlöcher ich schaue und durch deren Mundloch ich atme. Nichts daran ist echt.

"Auffällig ist die ausgeprägte Fähigkeit der Patientin, in Gesprächen dissoziative Zustände selbstständig als Schutzmechanismus hervorzurufen."

Früher hielt ich PVC für hässlich, kalt und grau. Doch: Das Hässliche wird mein Freund. Die Kälte nimmt sich meiner an. Das Grau beflügelt meine Phantasie.
20.2.07 16:18


Durchbruch

Frau Österreich hat in einer dreistündigen Sitzung aus mir herausgeholt, was bisher in meinem Kopf verblieb. Unaussprechliches. Ein Frage-und-Antwort-Spiel, bei dem man nur mit Ja oder Nein antwortet. Die Bilder in meinem Hirn werden stärker. Erinnerungen. Große Angst. Ich stehe unter immensem Druck.

Die Therapiestunden verlaufen intensiv und finden zur Zeit in sehr kurzen Abständen statt. Gestern drei Stunden, heute nicht ganz so lang, morgen eine Stunde, wenn es mir schlecht geht, Freitag wieder regulär. "Ich möchte Sie damit nicht alleinlassen, Frau K." Aber Frau K. hält sich aufrecht. Auch nach dem Rückfall, den sie sich geleistet hat - Samstag und Montag geschnitten. Zweimal sind kein Neuanfang. Das hat sie sich selbst versprochen.

Es ist wie ein Durchbruch - als würden sich die Puzzleteile endlich zusammenfügen. Sie ergeben zum ersten Mal ein Motiv, das man erkennen kann. Es fehlen noch Splitter und Farben, aber langsam stückle ich mich selbst wieder zusammen. Wie kann das so wehtun? Wieso muss man sich so sehr abgrenzen? Ich war mal wie Wasser, dass sich in jede Form zwängen kann. Jetzt sprenge ich, zu Eis werdend, jedes Gefäß.

Ich fürchte mich, Menschen zu verlieren, die ich doch schon längst verloren habe. Ich will niemanden anprangern. Ich wünschte manchmal, ich hätte das alles nicht überlebt. - Als hätte ich kein Recht darauf. -

Gedankensturm. Bildertempel. Mein Janustor ist weit geöffnet. Es ist so schwer.
20.2.07 16:47


Wie ein schleichendes Gift...

Misstrauen
Isolation
Scham
Schweigen
Bedrohung
Reinszenierung
Abhängigkeit
Unwirklichkeitsgefühl
Chaosbeziehungen
Hass

Dazu habt ihr mich verdammt.
21.2.07 22:32


Schreibversuche #4

vergangenheit
im augenwinkel
zukunft

nicht hier
dazwischen
nicht dort

ich bin dein tor
ich zweigeschlecht
ich bin dein held

blick nach vorne
im augenwinkel
blick zurück

ich bin
ein janus
vergiss das nicht
21.2.07 23:42


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