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Wandlungen

Ich bin so wahnsinnig, wahnsinnig traurig. Es ist die Traurigkeit eines Abschieds. Mein Leben hat sich gewandelt - ich bin weiter gekommen, so viel weiter, und ich gehe Schritt um Schritt aus meinem Labyrinth hinaus. Der rote Faden um mein Handgelenk beweist es mir.

Ich habe mich vom Schneiden gelöst und vom Alkohol. Ich brauche diese Dinge nicht mehr. Meine Stabilität hat zugenommen und meine Stimmung wird langsam ausgeglichener. Und ich habe nach Jahren wieder die Kraft, Dinge zu tun. Vielleicht ist es nur eine Phase oder vielleicht ist es wirklich ein großer, großer Schritt. In einem knappen Jahr bin ich ein anderer Mensch geworden und das ist allein mein Verdienst.

Aber ich spüre, dass das Leben mir nicht das zu geben vermag, was ich von ihm fordere. Und gleichzeitig stelle ich fest, dass ich weder ihm noch mir selbst gewachsen bin.

Ich will etwas an meinem Leben ändern, aber es ist unmöglich. Meine Pläne stehen und es gibt für mich keine andere Möglichkeit, Fuß in dieser Welt zu fassen. Lebenswert ist für mich ein Wort, dass ich gut kenne - das für mich jedoch keine Allgemeingültigkeit besitzt. Das Leben ist für mich nicht als solches und prinzipiell lebenswert. Mein Denken und Fühlen ist differenzierter. Ich bin anders. Ich bin vielleicht todgeweiht.

Jemand sagte einmal zu mir: "Sie sind gar nicht so depressiv - Sie sind unglücklich. Das ist ein Unterschied. Warum sind Sie nur so todunglücklich?"

Mein Leben macht mich todunglücklich. Ich bin aus anderem Holz geschnitzt. Aus dem hässlichen schwarzbraunen Wrack ist ein schillernder Schmetterling geworden, der in dieser Welt genauso nutzlos, empfindsam und verloren ist, wie das Wrack es war. Ich verbrenne. Ich bin todunglücklich und mein Wunsch zu sterben ist groß. Aber ich werde ihm noch lange nicht nachgeben.
4.12.06 14:05


Motor und Fluch

Ich stelle immer mehr fest, dass ich meinem Leben nicht gewachsen bin, mein Geist und mein Stolz aber trotzdem hoch hinaus wollen - ich würde mich niemals aufgeben und mich mit 25 Hausfrau nennen oder mein halbes Leben in Psychiatrien und betreutem Wohnen fristen. Ich weiß, dass ich dazu zu intelligent und talentiert bin. Und viel zu willensstark. Meine seelischen und körperlichen Grenzen sind keine für meinen Geist und meinen Willen - und mein Stolz will viel mehr und mehr.
4.12.06 15:02


Ich suche nach Worten...

und habe doch das Gefühl, im Augenblick müssen andere für mich sprechen. Die Dinge, die mich wirklich tief bewegen und umtreiben, kann ich nicht öffentlich aussprechen, nicht einmal hier. Manches, was nie gesagt werden kann, verhält sich, wie ein OP-Tuch, das in der Bauchhöhle vergessen wurde - es sorgt dafür, dass die Wunde nicht abheilt, führt zu Entzündungen und möglicherweise zum Tod.
7.12.06 14:29


Feststellung

Die Liebe zum Leben und die tödliche Verzweiflung liegen sehr nahe beieinander.
8.12.06 17:23


Lernen

Ich sammle meine Wahrheiten und schreibe sie auf die weißen Wände meiner weiten Räume. Sie sind allzuoft verschüttet vom Alltag, den Schmerzen und Anforderungen - aber sie haben immer dafür gesorgt, dass ich überlebe.


1) Ich bin ein Phönix aus der Asche und niemand außer mir selbst kann mich aufhalten.

2) Mein Weg wird anders sein, keiner der üblichen ausgetretenen Pfade, keine der Generalautobahnen unserer Gesellschaft, keiner der leichten Wege. Er wird mir viel Kraft, Mut und Treue zu den eigenen Werten abfordern, aber er wird mich glücklicher machen, als es nur irgendeine Autobahn kann.

3) Leid kann den Blick weiten und eine Entwicklung anstoßen, wenn man sich atmen lässt und nicht verbittert. Im Leid zu verharren, zerstört, das Leid zu verlassen, fördert die Liebe zum Leben und das eigene Wachstum.

4) Kein Vogel kann zu hoch fliegen, wenn er die eigenen Flügel benutzt.
William Blake

5) Loslassen ist der allererste, der allerletzte und der essentielle Schritt eines Abschieds. Aber Loslassen bedeutet nicht Verlust. Es sorgt nur dafür, dass man frei atmen und sich etwas Neuem zuwenden kann.

6) Es ist schwer, ein Schwan unter Enten zu sein, aber es ist keineswegs ein Todesurteil.
Irina P.

7) Aufgeben ist ein Wort, das in meinem Wortschatz nicht mehr vorkommt und für das ich das Verständnis verloren habe. Es gibt diesen einen Satz, der mir alles bedeutet: WIR GEBEN NICHT AUF! (Und es gibt nur eine Person auf dieser Welt, die alle Dimensionen dieser Parole kennt.)

8) Es gibt winzige Zeichen und (etwas, was ich in Ermangelung es eines besseren Ausdrucks) Engel (nennen möchte,) in unserem Leben, die dann auftauchen, wenn wir sie am meisten brauchen. Wir müssen sie nur erkennen und annehmen.


Dies sind nur die ersten acht der Wahrheiten meines Lebens. Nur die ersten acht, die für die Hoffnung sprechen und gegen die Resignation. Nur die ersten acht winzigen Teilchen dessen, was mich bis heute hat überleben lassen.

Ich habe durch Leid, die Entscheidung zum Kampf und meine Intelligenz den meisten Menschen eine Bewusstheit voraus, die manche niemals erreichen werden - und ich scheue mich nicht mehr, das laut auszusprechen. Ich werde glücklich sein. Ich werde ein Mensch sein, der anderen viel geben kann, wenn es soweit ist.


Hast ihn nie verraten. Deinen Plan vom Glück...
Herbert Grönemeyer
9.12.06 14:48


Lebenszeichen

Letzte Woche habe ich auf einem kleinen Adventsmarkt an einem Bücherstand zwei gebrauchte Bücher gekauft. Eine Autobiographie von Roald Dahl und einen Roman: Die vierte Hand von John Irving. Zweiteres ist eine gebundene Ausgabe, schon ein bisschen vergilbt aber noch nicht besonders alt. Ich habe vor ein paar Tagen angefangen, darin zu lesen.

Heute nahm ich das Buch beim Frühstück zur Hand und machte eine Entdeckung, die mich sehr berührte und sehr glücklich machte. Mein Griff hatte sich beim Umblättern ein wenig gelockert und zwischen den Seiten 194 und 195 rutschte etwas hervor. Ich betrachtete es genauer, behutsam. Es war ein gepresstes vierblättriges Kleeblatt, das der Vorbesitzer des Buches wohl darin vergessen hat. Die vierte Hand ist ein verhältnismäßig dickes Buch und solche eignen sich ja bekanntermaßen besonders gut für das Pressen von Blättern oder Blüten. Bei dem Kleeblatt handelt es sich um eine Mutation - es hat nur Stengel für drei Blättchen, aber aus dem einen wachsen zwei davon heraus.

Ich nehme es als ein Zeichen. Es ist eins dieser winzigen, unbedeutenden Erlebnisse, die ein ganzes Leben umkrempeln können.

Wunderschön.
9.12.06 15:10


Kotzen

Ich kotze auf diesen gelben Teppich, den du vor mir ausbreitest.

"Das Monster in Ihnen verbündet sich mit Ihrem Vater. - Wen wollen Sie eigentlich töten?"

Ich kotze, bis der Schmerz verschwindet. Bis dein scheißgelber Teppich deine Bodendielen verätzt.

Ich kotze mir die Seele aus dem Leib. Und hoffe, dass sie nie zurückfindet.
11.12.06 16:48


Schreibversuche #1

Die Frau, die am Hauptbahnhof einsteigt, trägt einen schwarzen Mantel und hohe schwarze Stiefel. Ihr braunes Haar legt sich ein wenig wellig über die linke Schulter. Rechts hat sie die meisten Strähnen hinters Ohr gestrichen. Den Kopf hält sie ein wenig schief. Ich habe immer den Eindruck, dass ihre eisblauen Augen mich genau dann mustern, wenn ich sie nicht anschaue. Aber wenn ich versuche, ihren Blick zu fangen, ist es, als wäre nichts gewesen.

Mir wird übel, als die Bahn anruckelt. Ich sitze gegen die Fahrtrichtung. Die Frau sitzt zwei Plätze weiter auf der anderen Seite, mir schräg gegenüber. Wir kommen am Lohring vorbei, dann am Freigrafendamm. Es ist schon dunkel draußen, Dezemberluft, die Scheiben sind beschlagen und das Licht hier drin irgendwo zwischen unangenehm klinisch und schummrig. Die Bahn ist fast leer. Eine Weile betrachte ich die Leuchtreklamen draußen, dann kommen wir aus dem Ort heraus in unbewohnte Gegend. Von hier ist es nach Witten noch eine halbe Stunde. Am Ümminger Feld steigen die letzten beiden Mitfahrer aus. Ich bin mit der Frau im schwarzen Mantel allein.

Sie sitzt nur da und blickt mich inzwischen unverhohlen an. Ich muss zugeben, dass sie mich auch interessiert. Was steckt hinter diesen Eisaugen? Ihr Starren macht mich nervös - ich rutsche unsicher auf meinem Sitz herum und versuche, eine bequemere Position einzunehmen. Ich versuche, irgendwoanders hinzusehen. Auf meine Jacke, meine Schuhspitzen, meine abgekauten Fingernägel. Es wird immer schwieriger, nicht hochzuschauen und doch einen Blick zu riskieren. Ich überlege, warum ich mich so anstrenge, nur um sie nicht anzusehen. Was ist schon dabei? Zur Abwechslung schaue ich auf ihre Schuhe. Die Stiefel sehen aus, als wären sie aus weichem Rauhleder. Sie laufen vorne spitz zu und haben an den Seiten weiche Falten.

Die Frau mit den Eisaugen schlägt die Beine übereinander. Es wirkt nicht grazil, wie ich es erwartet hätte. Eher stringent, wie abgezirkelt. Dann höre ich eine Stimme, ich könnte schwören, sie spricht direkt an meinem Ohr, leise, aber nicht zu leise, mit rauher Härte, aber wohlwollend. Es ist eine Frauenstimme. "Wie gefallen sie dir?" Unwillkürlich schaue ich nach recht und links, niemand zu sehen, dann der Frau mit den Eisaugen ins Gesicht. "Ich meinte natürlich die Stiefel". Sie lächelt nur, distanziert, aber sie meint unverkennbar mich. Sie schaut mich dabei an und sagt dann: "Aber das interessiert mich eigentlich gar nicht. Es ist nur ein Gesprächseinstieg, wie Menschen wie du ihn für gewöhnlich benötigen." Die Stimme klingt direkt an meinem Ohr. Ich weiß nicht mal, ob die Frau mit den Eisaugen die Lippen bewegt hat. Es ist meiner Aufmerksamkeit einfach entgangen.

Das Licht in der Straßenbahn hat sich verändert. Ich habe das Gefühl, das schummrige Licht kommt jetzt von draußen und innen blühen nur hie und da kleine Flammen auf den Kissen. Hektisch versuche ich, eine davon auszublasen, als das nichts nützt, schlage ich mit meinem Jackenärmel darauf ein. Es hat keinen Sinn. Ein einzelner Zitronenfalter taumelt verloren durch den Gang. Ein Schmetterling? Im Dezember? denke ich kurz. Dann flüstert die Stimme an meinem Ohr: "Schau aus dem Fenster!". Ich wende meinen Blick. Der Himmel draußen ist durchgehend violett, einzelne, weiße Kondenstreifen bilden die einzige farbliche Ausnahme. Ich bin sprachlos. Und noch zwanzig Minuten bis nach Witten.

Die Frau mit den Eisaugen blickt eine Minute lang ruhig aus dem Fenster, an dem sie sitzt. Ihre Lippen bewegen sich nur ganz leicht, während ihre Stimme wie abwesend an meinem Ohr spricht: "Das Leben ist immer so."
Ich verstehe sie nicht.
"Der gegenwärtige Augenblick ist stets voll unendlicher Schätze", sagt sie, als könnte es mir deutlicher und verständlicher machen, was soeben geschieht.
Meine Augen folgen dem Schmetterling, der sich gemächlich auf dem Mantel der Frau niedergelassen hat. Sie sucht ein Haar von ihrem Ärmel und schnipst es weg. Eine allzumenschliche Geste. Dann blickt sie mich an, kälter diesmal und direkter.
"Ich bin Geheimnisträgerin", ihre Stimme ist ein kühles Zischeln. Schau in deiner linken Jacktasche, dort findest du einen Spiegel."
Ich bekomme Angst. Ich bekomme immer Angst, wenn man mich zu hart anfasst. Ich kenne diese Frau ja gar nicht - was mache ich hier überhaupt? Der Himmel draußen wird schlagartig schwarz, nur ein paar Sterne funkeln wie kaltes Metall auf die Straßenbahn herab. Zehn Minuten bis Witten. Ich fühle mich allein, schmerzhaft ängstlich, mein Herz schlägt wie ein Hammer in meiner viel zu kleinen Brust. Trotzdem fasse ich gehorsam in meine linke Jackentasche. Meine Finger bluten, als ich die Spiegelscherbe hervorziehe. Es ist nur ein Bruchstück, vielleicht drei mal vier Zentimeter groß mit unregelmäßigen scharfen Kanten. Ich kann nicht mehr als gerade mein Auge, dreiviertel meines Mundes oder meine halbe Augenbraue darin betrachten. Ein Luftzug fährt durch die Straßenbahn, als ich es versuche, als hätte jemand soeben ein Fenster aufgerissen. Auf der Rückseite der Spiegelscherbe steht, von einem roten Stoffrest fast verdeckt, mein Name.

Ich blicke auf. Witten Hauptbahnhof steht auf der digitalen Anzeigetafel. Das Licht im Zug hat sich normalisiert. Die Frau mit den Eisaugen ist verschwunden. Ich überlege, ob ich kurz eingeschlafen bin, aber in meiner Hand glänzt die Spiegelscherbe, daran ein Tropfen getrocknetes Blut.
Ich steige aus. Die Luft ist kalt und schneidend, Dezemberluft. Ein paar Schritte und ich bin im Hellen. Als ich die Scherbe genauer betrachte, steht dort kein Name mehr, schon gar nicht meiner. Aber ich sehe einen verirrten Schmetterling über die Gleise taumeln und laufe ihm ein paar Schritte nach. Die Scherbe fällt zu Boden und zerbricht. Ich bücke mich, um sie aufzuheben. Jetzt ist sie noch kleiner, in beiden Hälften bleibt nur ein halbes Auge zu spiegeln. Ich überlege, was ich tun soll. Die Scherben wegwerfen? Sie behalten und als ein mysteriöses Geheimnis aufbewahren? Die eine Häfte funkelt im Licht. Ich lese darauf einen neuen Namen. Es ist nicht meiner, aber ich kenne ihn irgendwoher. Woher, fällt mir nicht ein. Ich zucke mit den Schultern. Vielleicht bin ich jetzt auch eine Geheimnisträgerin, denke ich. Vielleicht kann ich den Himmel nun auch violett machen und die Zitronenfalter im Dezember fliegen lassen. Vielleicht muss ich jetzt auch Scherben an andere Menschen verteilen, damit sie sehen, wie das Leben immer so ist. Ich weiß es nicht. Aber die Vorstellung gefällt mir mit einmal, so dass ich pfeifend losgehe, zwei Spiegelscherben in der Tasche, von denen nur eine mir gehört.
13.12.06 18:06


Was ich will

Ich möchte, dass man mich achtet und mir die Hand gibt und mir seinen Namen nennt, wenn ich daneben stehe.
Ich möchte, dass man so höflich zu mir ist, wie ich zu anderen bin.
Ich möchte, dass man mich nicht übersieht, nur weil ich nett und süß bin und so aussehe, als hätte ich keine Ahnung.
Wenn ich im Gegensatz zum Gegenüber ein Profi bin, möchte ich nicht behandelt werden, als sei ich klein und dumm.
Ich möchte Beachtung, wenn ich etwas sehr schnell und sehr gut gemacht habe.
Ich möchte, dass man sich bei mir bedankt, wenn ich mal wieder irgendwo kurzfristig einspringe.
Ich möchte, dass man mich fragt, wie es mir geht.

Und dann möchte ich nicht nur lächeln und sagen, gut, wie immer, sondern sagen können, wies mir wirklich geht.

Und ich möchte KOTZEN, wenn man unhöflich mir gegenüber ist, mich überhaupt nicht beachtet, obwohl ich genauso meinen Teil leiste, wie jeder andere in der Runde, und mich degradiert, als wäre ich vierzehn. Nur weil ich nett und süß und unscheinbar bin. Ich möchte es demjenigen ins Gesicht spucken.



Ich HASSE es, nett und süß und unscheinbar zu sein.
Ich will BEACHTUNG.
14.12.06 13:58


Vierteljahrhundert

Mit fünfundzwanzig wird alles ganz leicht... ich weiß es, weil ich es selbst erlebt habe. Mit fünfundzwanzig haben Seelenschwestern ein eigenes Leben, auch wenn sie erst BEGINNEN. Mit fünfundzwanzig ist das Gröbste ausgestanden und der Wahnsinn ÜBERlebt.

Gib mir nur die Chance, fünfundzwanzig zu werden... und nichts hält mich mehr auf.

Und morgen zünd ich eine Kerze an für eine Wiedergeburt, die ich feiern möchte. Ganz weit weg.
14.12.06 19:57


Remestan

Nicht schlafen bedeutet Schwindelanfälle, Todesmüdigkeit, sterben wollen. Nicht schlafen... bedeutet Zusammenbruch. Wir bringen Sie wieder zum Schlafen. Remestan. Ich liege wach, stundenlang. Remestan ist ein ziemlicher Hammer. Bei mir zeigt der Hammer keine Wirkung. Ich möchte, dass mich jemand ausknockt. Kurzschlussreaktion: noch 18 Tavor, 19 Remestan, 10 Melperon, 9 Zopiclon - vielleicht reicht der Mist, um mal drei Tage durchzuschlafen.

Ich kann nicht mehr. Remestan. Am Ende. Nichts bleibt... Bitte, ich möchte nur mal wieder eine Nacht durchschlafen... ENDSTATION. Ich kann nicht mehr.
17.12.06 03:32


Das Monster in mir

Als Kind hat man manchmal Angst vor den Monstern, die unter dem Bett wohnen. Ich habe das Monster unter meinem Bett geschluckt, als ich klein war - seitdem wohnt es in mir, schon viele Jahre. Monster haben keine Probleme mit Magensäure, deshalb sind sie schwer verdaulich. Das Monster ist gewachsen mit all den schrecklichen Dingen, die ich über die Jahre geschluckt habe. Irgendwie hatte ich als Kind keine andere Möglichkeit, als zu schlucken. Ich war zu angepasst, um auszuspucken, und zu fremdbestimmt, um zu kotzen. Gift nährt Monster und höhlt ihre Hüllen aus. Ja, manchmal bin ich nur mehr die Hülle für das Monster in mir.

Das Monster sagt, es ist nicht genug, was ich schaffe, es ist NIE genug. Es muss mehr sein, mehr, mehr, mehr. Es muss schneller gehen und perfekter sein - und ich werde immer eine Versagerin sein. Wen wollen Sie eigentlich töten, fragt meine Therapeutin, sich selbst oder das Monster? Ein Monster macht das Leben schwer und hässlich. Man möchte es auslöschen. Das Leben. Oder das Monster. Wenn das eigene Leben durch ein Monster bestimmt ist, macht das scheinbar keinen Unterschied mehr.

Es ist kein Wunder, dass man sich eingeengt und bedrängt fühlt, wenn ein Monster in einem wohnt. Man kann das Monster nicht herausschneiden, man kann es nicht mit dem Essen auskotzen und es nicht mit Tabletten betäuben. Es reicht niemals, die äußere Situation solange zu ändern, bis man es dem Monster recht gemacht hat - denn das Monster ist nicht zufriedenzustellen. Das Monster selbst muss kleiner gemacht werden, indem man sich selbst größer macht. Die Hülle gehört mir. ICH gehöre mir. Und ich will mich nicht mit einem Monster teilen.
17.12.06 18:04


Ratio et emota fundamenta

Frau K. ist ja so verkopft. "Wenn Gefühle auch nur annähernd intensiv werden, bekommt Frau K. Schiss", sagt sie und lacht. Alles spielt sich hinter meiner Stirn ab, denn da bin ich unschlagbar. Nicht sein, sondern denken, denken, denken. Klar und differenziert.

Aber was ist mit den fixen Ideen und Entscheidungen aus dem Bauch heraus, bei denen die Ratio je Bedeutung verliert? Was ist mit den intensiven Gefühlen, gegen die ich nicht andenken kann? Was ist mit dem Reagieren und Handeln ohne Nachdenken, mit den ungesteuerten Impulsen und, um mich einer ganz anderen Richtung zuzuwenden, mit der kreativen und originellen Intuition, dem Wise Mind, der inneren Einigkeit, die eine Entscheidung bestätigt, die vom Kopf her alles andere als eindeutig war?

Kopfmensch, sagen sie, eindeutig. Viel zu verkopft. Kann nicht genießen, kann sich nichts gönnen, braucht immer ein Alibi vor sich selbst, um sich intellektuell zu fühlen. Und läßt ihren Intellekt gnadenlos heraushängen. -
Aber dann die künstlerische Seite. - Mal ehrlich: wie geht Kunst ohne Gefühl? Gibt es rein intellektuelle Kunst? Ich glaube kaum. Und selbst wenn, dann trifft das auf meine (pseudo)künstlerischen Aktivitäten sicher nicht zu -

Gefühlsmensch, sage ich, immer mehr, je weiter ich mich zusammenstückele. Auch Gefühlsmensch! Zu sehr Gefühlsmensch, zu sehr getrieben, gehetzt von den eigenen Emotionen und Trieben, Genussmensch bis dorthinaus. Ich tue nichts um des Intellekts willen, aber alles um des Genusses willen und ich stehe mir gnadenlos selbst im Weg. Da hilft keine Ratio. Ich bin triebgesteuert - auch und gerade obwohl mir die Vorstellung, triebgesteuert zu sein, großes Unbehagen bereitet. Nicht hehr genug, nicht vergeistigt genug. Ich bin ganz anders und versuche, mich Stück für Stück mir selbst zu nähern und mich selbst zu nähren und mich dabei gleichzeitig von den Trieben zu entfernen - und auch das geht nicht ohne Genuss. Ich versuche, mich von mir loszureißen und falle doch immer wieder auf mich selbst zurück.
18.12.06 19:25


Ogott, ich kann nicht mehr.

Ich kann echt nicht mehr. Ich überlege, mir einfach alle verfügbaren Neuroleptika, Hypnotika, Benzodiazepine einzuwerfen, um einfach mal zu schlafen. Schlafen bis morgen früh oder meinetwegen auch morgen abend. Mir egal.

Ich würde einen kleinen Zettel schreiben und ihn auf meinen Nachttisch legen. Ich schlafe nur. Das Zeug, was ich genommen habe, ist nicht tödlich. Dazwischen eine Auflistung der Medikamente Lasst mich einfach liegen. Bis später, Ariadne

Oder ich gehe ins Krankenhaus und sage: "Hey Leute, hängt mich mal für eine Nacht an den Tropf - ich will schlafen."

Das verflixte Remestan zeigt bei mir eine paradoxe Wirkung, es putscht mich auf. Wenn ich das nächste Mal eine Nacht durchmachen will, nehme ich Remestan. Also habe ich mir heute in aller Frühe einen Termin geben lassen - bei der Vertretung der Vertretung. Jeder macht, was ihm gefällt. Nicht einmal mein eigentlicher Psychiater macht sich die Mühe, mich kennenzulernen.

Sie verschreibt mir Remergil in minimaler Dosis, 7,5mg. Ich sage, ihr, ich habe mal 60mg genommen und davon irgendwann nicht mehr geschlafen. Aber sie möchte mir nichts verschreiben, was ich nutzen könnte, um mich mental auszuschalten. Sie sagt, ich wirke so, als sei ich wieder mehr in mich gekehrt - dissoziiere automatisiert - ich soll nicht noch einen Katalysator dafür bekommen.

Verdammt müde. Einfach nur erschöpft. Am Ende. Sie sagte: "Sie wirken so benebelt. Ganz spurlos ist das Remestan wohl doch nicht an Ihnen vorübergegangen." Jeder wirkt benebelt, wenn er zu lange nicht schläft.

Gebt mir Valium intravenös.
18.12.06 19:40


Es tut mir nicht leid...

Ich verweigere mein Leben - wie ein Kind, das sein Essen verweigert - erst recht, wenn man es zwingt, solange sitzen zu bleiben, bis der Teller leer ist.

Niemals kann ich demütig genug werden.

Niemals kann ich genug sein... und niemals den Erwartungen entsprechen. Ich werde auf ewig die Kokainkaiserin bleiben, die auf dem Kazoo in den Wind singt. Das Gesuchte liegt nicht in mir.
19.12.06 23:40


Schwindel

Therapiestunde. Ariadne musste zehn Minuten warten. Sie saß auf der Bank, die direkt neben der Tür des Therapieraumes stand, und versank in sich. Tiefer, tiefer. Bis weit hinter Ohrensausen und Flimmern vor den Augen - in die letzten Kammern der Seele. Ihre Müdigkeit war unendlich. Es gab nur diese Möglichkeit für sie: sich selbst nachgeben und sich versenken, bevor der Geräuschwust und die Gefühle weiter außen sie fraßen.

Ariadne stand auf und taumelte. Ihre Beine gaben einfach nach... Sie bat Frau Österreich um ein Glas Wasser. Sie redeten kurz. Es war sehr schwer, ein Gespräch in Gang zu halten. Ariadne fehlten einfach die Worte. Sie wollte sich fallen lassen in diese Müdigkeit. - Frau Österreich rief einen Arzt. Blutdruck etwas niedrig. Puls bei 60. Normal. Alles okay. Der Arzt meinte nur, sie wirke sehr müde. Ariadne sagte: "Verabreichen Sie mir doch am besten Valium intravenös. Bitte - ich muss wieder schlafen..." Er lachte. Verstand nicht ihre Verzweiflung hinter dem Sarkasmus.

Ariadne hetzt weiter. Den Kopf voller Wahnsinn. Gedankenchaos. Sie kann es nicht mehr ordnen. Kann nicht mehr denken. Kopfschmerzen, Bauchschmerzen. Schwindel - Drehschwindel. Hin und her. Zuwenig Schlaf. Ariadne rennt, rennt, rennt. WEG. Ihr Körper spielt nicht mehr mit. VERSAGER.
22.12.06 14:21


Schreibversuche #2

Was bin ich? Was bin ich? Ein Kind schwebt über der Straße und presst immer wieder dieselbe Frage in ihren Kopf. Was bin ich? Sie kann nicht antworten. Das Kind ist ziemlich klein und dünn - sie schätzt sein Alter auf sieben oder acht Jahre - und hat eine Frisur, die sie niemandem wünschen würde: die dunkelblonden Haare sehen aus, als hätte man einen Blumentopf über den Kopf des Kindes gestülpt und am Topfrand entlang geschnitten. Total verkorkst, denkt sie, und wundert sich nicht im Geringsten, als das Kind langsam beginnt, sich in der Luft um die eigene Achse zu drehen. Was bin ich? Sie zuckt mit den Schultern. Was soll man auf so eine Frage antworten? Ein Kind. Ein schwebendes Kind. Aber ein Kind eben.

Sie will weitergehen, den weiten Bogen der grauen Straße entlang, bis zu den Wiesen, aber im Nacken hört sie das Kind schneller atmen. Seine Augen sind geschlossen, sein Kopf in den Nacken geworfen. Was bin ich? Sie will sagen, es ist mir egal, aber ihr Hals ist trocken und sie muss husten. Und dann denkt sie plötzlich, es ist alles nur ein Traum. Es gibt keine schwebenden Kinder, die Realität geht ihr verloren. Will sie wirklich zu den Wiesen? Sie schaut an sich herunter: alles ganz normal. Schwarzer Mantel, Jeans, blaue, ausgetretene Chucks. In der Luft dampft ihr heißer Atem, weiß wie der bedeckte Himmel, weiß wie der Nebel, der sich über die kahlen Hügel legt wie eine samtige Decke. Winter, Dezember. Die Wiesen werden voller Frost sein, kalt und leer. Will sie wirklich zu den Wiesen? Ist das alles noch ihre Realität?

Unschlüssig blickt sie auf ihre Füße. Die Wiesen. Das Kind. Die Wiesen. Und was ist sie selbst? Mit schräg gelegtem Kopf schaut sie das Kind an, wie es da vor ihr in der Luft schwebt, kreiselnd, mit keuchendem Atem und geschlossenen Augen. Sie versucht, sich vorzustellen, wie das Kind aussieht, wenn es wach ist, fest auf dem Erdboden steht, vielleicht lächelt... und kommt zu dem Schluss, dass es ihr nicht einmal auffallen würde. Ich falle auch niemandem auf, denkt sie. Und da hören ihre Gemeinsamkeiten auch schon auf. Sie selbst ist eine junge Frau, etwas über zwanzig, leidenschafts- und arbeitslos. Sie denkt nicht viel nach, nicht einmal darüber, wie es weitergehen soll. Bis heute gehörte sie zu den Menschen, denen ihr Leben einfach passiert. Und so würde sie es jederzeit ausdrücken. Mein Leben passiert einfach. Ich werde gelebt.

Was bin ich? Wieder presst das Kind seine Frage in ihren Kopf. Auf einmal hat sie Sehnsucht nach einer Antwort. Laut sagt sie: "Du bist ein Kind. Ein schlafendes Kind, das in der Luft schwebt und eine verkorkste Frisur hat." Das Kind lächelt plötzlich und hört auf zu kreiseln. Es schwebt jetzt ganz ruhig in Augenhöhe in der Luft. Ist es das?, denkt sie und fragt sich, ob die Aufgabe so leicht zu lösen war. Genügt es, die sichtbaren Fakten zu nennen? Ist es das? hallt es hinter ihrer Stirn. Sie blinzelt. Das Kind presst die Worte wieder und wieder in ihren Kopf. Ist es das? Ist es das?

Sie merkt, dass der Nebel dichter geworden ist. Es ist kaum noch möglich, weiter als zehn Meter zu sehen. Mit abnehmender Sichtweite scheint sich auch die Realität von ihr zu entfernen. Es scheint, als sei nur noch das Stück Asphalt real, auf dem sie gerade steht, ihr Körper und der des Kindes. Das ist nicht richtig, denkt sie. Es ist falsch herum. Sie tastet in ihren Manteltaschen nach einer Packung Kaugummi. Ist es das?, hallt es in ihrem Hirn. Es gibt keine schwebenden Kinder, denkt sie trotzig. Das Kind entfernt sich etwas von ihr, wieder leicht kreiselnd. Es gibt nur diese Straße, es gibt die Wiesen und es gibt mich... glaube ich. Ihre Sicherheit schwindet. Was kann sie glauben? Das, was sie sieht? Oder ist nur das wahr, was man ihr beigebracht hat, was wahr sein sollte? Gibt es vielleicht doch schwebende Kinder? Schwindet ihr Realitätsbezug? Oder schwindet die Realität selbst? Oder schwindet gar nichts außer ihrem Glauben an das, was real sein sollte? Ist es das?

Sie schiebt einen Kaugummi zwischen die Zähne und lässt den brennenden Pfefferminzgeschmack auf sich wirken. Er hilft gegen Realitätsverlust, das weiß sie, und er hilft nachdenken. Ist es das? Der Nebel hat die Gestalt des Kindes fast verschluckt, aber seine Gedanken hallen ungetrübt in ihrem Kopf wider. Ihre Füße werden kalt und klamm. Sie steht einige Minuten reglos und sieht das Kind mit dem Nebel verschwimmen. Dann ist es ganz verschwunden. Ist es das? Sie merkt, dass sie rückwärts gegangen ist. Die Kälte dringt plötzlich auf sie ein. Sie dreht sich um und geht schnell die graue Straße entlang. Außer dem Schweben nichts Besonderes, denkt sie. Ist es das? Zum ersten Mal, seit sie sich erinnern kann, beginnt sie, schärfer nachzudenken. An ihr ist auch nichts Besonderes. Zumindest hat sie das immer gedacht. Kann jemand, an dem überhaupt nichts Besonderes ist, existieren? Und das Kind ist doch eine Existenz. Ist es das?, denkt sie, und diesmal weiß sie, dass es sich um ihren eigenen Gedanken handelt.
22.12.06 19:13


Der geheime Garten...

Ich hatte eine illustrierte, gebundene Ausgabe. Es war eines dieser Bücher, an denen man furchtbar hängt, weil Erinnerungen damit verbunden sind, Gefühle, das Wissen, dass es Zuflucht gibt. Zuflucht, auch für mich. Das Wissen, es gibt immer einen Himmel und Weite - und Trost. Egal, was passiert.

Ich habe zuerst den Film gesehen. Als ich ein Kind war... und ich erinnere mich genau an den Überschwang von Rosen in diesem Garten und an die Efeuranken, die das Gartentor vor aller Augen verbargen. Viel später, lange nach den nachhaltigen Eindrücken aus dem Film, bekam ich das wunderbare Buch geschenkt - von jemandem, der mir bis heute sehr viel bedeutet. Ihm wohnt ein unbeschreiblicher Zauber inne, der nur wenigen Geschichten eigen ist.

Ich habe das Buch verloren. Ich weiß nicht, hat meine alte Mitbewohnerin es oder habe ich es vielleicht verliehen... oder tatsächlich beim Umzug verloren?

Es macht mich traurig. Einfach traurig.
23.12.06 23:29


Denn...

wenn wir sagen: Es ist Weihnacht, dann sagen wir: Gott hat sein letztes, sein tiefstes, sein schönstes Wort im fleischgewordenen Wort in die Welt hineingesagt, ein Wort, das nicht mehr rückgängig gemacht werden kann, weil es Gott selbst in der Welt ist. Und dieses Wort heißt: Ich liebe dich, du Welt und du Mensch.
Karl Rahner


Frohe Weihnachten.
24.12.06 13:00


An einem Tag wie heute...

... wache ich mit Selbstmordgedanken auf.
... spiel ich um sieben Uhr früh im Gottesdienst, während alle anderen mit vollgeschlagenen Bäuchen ausschlafen.
... zähl ich die Autos, die so früh schon unterwegs sind.
... hol ich mir KEIN Licht aus Bethlehem.
... fange ich beim Gebet an zu weinen, weil mir alles so ausweglos erscheint... erst recht an Weihnachten.
... bin ich den ganzen Tag nett und höflich zu alten Omas.
... denk ich an meine beste Freundin.
... bekomme ich Sekt und Büchergutscheine geschenkt.
... bin ich völlig erschlagen.
... geh ich weinend schlafen.
25.12.06 19:58


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