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Mein Nest

So wird sie heißen, meine neue Wohnung: Nest. Ich niste mich dort ein, dort werde ich ganz sicher sein und niemandem die Tür öffnen müssen. Niemand wird mein Nest betreten, es sei denn, ich habe es ausdrücklich erlaubt und erbeten. Wir streichen die Wände weiß, ich mag es so am liebsten. Weiße Wände. In der Küche wird ein gemütliches Sofa stehen mit einem Läufer darunter. Und ich habe eine große Küche.
Die Wand recht von der Türe im Schlafzimmer wird die Bücherwand. Ein großes Bücherregal. Bett und Schreibtisch. Gemütlicher Hocker an der Heizung und der Blick aus dem Fenster unverstellt, denn ich kann aus dem Schlafzimmerfenster heraus feststellen, wer bei mir klingelt.

Es wird mein Nest sein und nur meines.
2.5.06 20:02


Traumweben

Es ist eng. Links neben der Tür die Schränke mit den gelben Türen, darüber das Bücherregal, das die gesamte Wand einnimmt. Ein Notenständer, Decken in rot, orange und blau. Ich packe zusammen, was nicht vorrübergehend dort bleiben soll. Ziehe meinen Trenchcoat über. Es ist mein altes Zimmer, alles noch an seinem Platz, aber meine Eltern wohnen nicht mehr in diesem Haus, fremde Menschen bewegen sich darin. Ich höre, wie sie im Nebenzimmer, dem Elternschlafzimmer, über mich sprechen, abfällig. Ich schaffe ein wenig Ordnung, packe noch zwei kleine Drucke von Franz Marc in meine Tasche, werfe die Decken auf das durchgesessene, rote Sofa rechts gegenüber der Tür. Die Tageszeit lässt sich nicht bestimmen, aber es ist schützend düster. In einem Geheimfach hinter dem Regal finde ich fast vierzig Euro. Dann gehe ich hinaus, knalle die Türe zu. Im Nebenzimmer sagen sie: "Und jetzt knallt sie auch noch die Türe, dabei ist sie es doch, die sich daneben benommen hat." Ich stürme die glatte Treppe hinunter und nehme die letzten vier Stufen auf einmal, stelle mit Befriedigung fest, dass ich immer noch die Trittsicherste bin. In der Küche noch ein fremder Mann. Das Haus ist in mich eingewachsen und doch haben sie hier ihr Quartier, in dem ich nichts zu suchen habe. Mir ist schlecht, so schlecht... Ekel, Abscheu, Selbsthass - und ein großer Hass auf sie. Ich fliehe.
5.5.06 15:32


Angewidert.

In mir ist ein solcher Ekel. Alles scheint falsch zu sein. Ich bin hässlich, alles, was aus mir herausdrängt, ist falsch, scheulich, schlecht, schlecht, schlecht. Am liebsten möchte ich all meine Texte sofort löschen, alles, was in den letzten Wochen geschrieben wurde. Es ist so widerwärtig! Ich bin widerwärtig. Ich ekele mich so...
5.5.06 15:38


Kotzen

Seit gut einer Woche habe ich einen fiesen Reizhusten und es ist nicht klar, ob er wirklich somatisch ist. Die Medikamente schlagen nicht richtig an. Mit starker Ablenkung lässt der Reiz sich bekämpfen. Vielleicht ist es nur eine Reaktion auf den Stress. Oder... ein Versuch meines Körpers, meinem Seelenkotzen Ausdruck zu verleihen.

Wieviel habe ich geschluckt! Tägliches Gift. Es scheint so sehr Zeit zu sein, das alles loszuwerden. -
Ich habe mir die Schuld nicht eingepflanzt, nicht den Hass auf mich, nicht die Verantwortung, die niemand tragen wollte. Und ich will auch diese ganzen Erinnerungen nicht. Nein.

Alles auskotzen.

[...] Und auch, dass Sie am liebsten alles auskotzen würden, ist sehr nachvollziehbar- das ist alles nicht Ihres!
Es ist nicht meins, nicht ursprünglich - aber es ist so sehr meins geworden. Aus dem Ekel vor dem Giftmüll ist Ekel vor mir selbst geworden, weil sich das Gift so tief in mich eingefressen hat. Ich bin damit verwachsen. Und nun ist es, als würde der ganze Dreck in mir sich durch meine Haut nach außen fressen. Am liebsten möchte ich Allzweckreiniger trinken.
6.5.06 13:05


Feststellung

Der Hustenreiz wollte heute abend überhaupt nicht aufhören. Ich habe gehustet, bis mir die Tränen liefen und ich kotzen musste... und erst danach konnte ich mich endlich etwas beruhigen.

Ich brauche dringend wieder eine Therapeutin, der ich vertraue - und regelmäßige Sitzungen. Das geht so nicht. Die Dinge müssen in einem sicheren, abgegrenzten Rahmen bearbeitet werden und zwar umgehend. Ich brauche eine Seelenentgiftung.
6.5.06 23:58


Morgen, 14.00 Uhr.

Morgen habe ich einen Termin bei einem Therapeuten. 14.00 Uhr. Er klang am Telefon sehr nett - vielleicht ist er es, den ich suche. Vielleicht...
11.5.06 14:51


Und auf einmal hielt sie es nicht mehr aus.

Es musste an der Wärme liegen, daran, wie offensichtlich nun Sommer wurde. Oder vielleicht auch nicht, vielleicht war es das Haarefärben... Plötzlich war sie ihrer selbst so unsicher, fühlte sich wie damals auf den Sommerfreizeiten oder mit fremden vertrauten Menschen, die man fürchtet und hasst, in einen Raum gezwungen, in dem man erstickt, wenn man einschläft. Bedrängt in ihrem eigensten Selbst. Und sie spürte so sehr, wie sie sich verlor und aufgab, um zu überleben - als gäbe es keinen anderen Weg. Zu groß ihre Sensibilität, die sie immer gleich denken ließ, sie müsse sterben - alles in Alarmbereitschaft, angespannt, flacher Atem, Hitze-, Kälteschauer - und dieser unbändige, unbändige Selbsthass! Sie spürte so sehr, wie unwillkommen und verhasst sie war, spürte, wie dieser ganze Raum sie ablehnte... Vielleicht war es das Haarefärben. Ja, vielleicht.
11.5.06 14:56


Heute, 14.00 Uhr.

Erster Eindruck: Er sieht anders aus, als ich ihn mir vorgestellt habe. Aber seine Stimme gefällt mir und er geht entspannt mit mir um. Ganz behutsam. Er nimmt sich Zeit, bedrängt mich nicht. Nicht mit unangenehmen Fragen, für die es noch zu früh ist, nicht mit schnellen Urteilen. Er denkt darüber nach, was ich sage. Beobachtet mich intensiv.

Zweiter Eindruck: Er ist kompetent. Erkennt sofort, dass ich zwischendurch "wegsacke", dissoziiere. Nach eigener Aussage hat er viel Erfahrung mit SvVlern. Er zeigt Verständnis und nimmt mich ernst. Sagt, es klinge verzweifelt, wie ich von meinen Krisen spräche und davon, dass ich mein Leben wieder in geordnete Bahnen lenken will.

Mein Gefühl ihm gegenüber ist nicht ganz eindeutig. Er ist kompetent, aber wird eine Beziehung mit ihm für mich möglich sein? Er hat eine gute Stimme, aber mag ich seine Erscheinung? Er ist behutsam, aber ist er nicht vielleicht zu vorsichtig? Und werde ich es ertragen, wenn er tiefer geht?
Nächster Termin am 22. 5. Bis dahin muss ich den üblichen Anamnesebogen ausfüllen. Und dann abwarten, wie sich meine ersten Eindrücke bestätigen und ob ich mit ihm auskommen werde.
12.5.06 16:19


Sturzflug

Ich sterbe. Ich sterbe. Jetzt. Kopfverlust und Sturzflug. Ich bin so sehr abgestürzt - innerhalb von Stunden. Seit Monaten clean. Jetzt nicht mehr. Wann habe ich das letzte Mal geschnitten? Ich stehe derartig unter Druck, dass ich kaum noch geradeaus gehen kann. Mein Kopf ist verstopft mit einem dumpfen Gefühl. Mir tut alles weh. Es erscheint mir unvorstellbar, dass jemand so fühlen kann wie ich, verstehen kann, wie sehr und von Grund auf diese intensivsten Gefühle einen vergiften können, alle inneren Grenzen niederreißen können, bis man daran stirbt. Und ich will nichts anderes mehr... nichts mehr spüren, nie mehr.

Oh bitte, bitte, schießt mir eine Kugel in den Kopf!
13.5.06 22:15


schattentanz

manchmal
wenn der tod
seine schwingen breitet
über mich
die fedrig dunklen

und wenn alles versinkt
stiller wird
erstickend vermodernd
und wenn in meinen adern
die finsternis pocht

dann strecke ich
meine flügel
sehnend
und schnelle empor
mit ihm zu tanzen
der einzig treu mir folgt
wie ein schatten
13.5.06 22:19


In der Nacht von Montag auf Dienstag

Wie die Gedanken sich überschlugen! Wertlosigkeit, Selbsthass, keine Hilfe annehmen dürfen. Ich bin eine verdammte Betrügerin. Ich handle aus einem unerklärlichen Antrieb heraus. In Wirklichkeit bin ich gesund und lüge allen etwas vor, habe meine Familie verraten und verlassen, um mich der Aufmerksamkeit irgendwelcher Psychologen zu bedienen. Mir gings niemals schlecht. Ich spiele nur, alles ist ein Spiel, eine große Lüge.

Ein Schnitt gegen den Selbsthass.
Ein Schnitt gegen die Wertlosigkeit.
Ein Schnitt gegen die Wirklichkeit.

Ich dachte so sehr, ich sei eine Psychopathin, die ihre Familie verraten hat, betrügt, ich sollte dem eine Ende machen, dachte ich, dieser verkrachten Existenz, dieser kaputten, zerstörerischen, betrügerischen Exitenz. Ich sollte dem ein Ende machen...
Ich musste mich bestrafen.

Wir fuhren ins Krankenhaus. Alles so unwirklich. Kulisse. Was lauert hinter diesen harmlosen Bildern? Haben Sie suizidale Absichten? - Nein... Doch.

Dann versuchte ich, Gegensätze zu finden.
Sie haben mich nicht gequält. Ich habe mich nur angestellt. Ich habe sie gequält. - Und warum habe ich dann ihr Haus verlassen?
Es ging mir nie schlecht. - Und warum bin ich dann 2004 zusammengebrochen und in die Psychiatrie eingewiesen worden?
Du übertreibst. Du hast immer übertrieben. - Und warum denke ich das gerade jetzt?
Schutzmechanismen. Um nicht glauben zu müssen, was geschehen ist. Um die alten, eingepflanzten Überzeugungen behalten zu dürfen. Weil es gefährlich ist, sich davon zu trennen, weil es die einzige Verbindung zu den Eltern ist. Aber ich brauche das nicht mehr. Ich bin zwanzig und keine sieben mehr. Dann gesteh dir deine Lügen ein.

Ich komme nicht dagegen an... Ich könnte dauernd kotzen, mir ist schlecht vor Selbstekel. Mein ganzer Körper besteht aus Dreck und Lastern, meine Seele ist schwarz. Ich will nicht mehr der Mensch sein, der ich bin. Ich könnte kotzen. Und ich muss jetzt einen Ausweg finden. Und ich werde einen Ausweg finden.
17.5.06 12:48


Therapiegesprächsauszug Klinikambulanz

Achtung, Trigger!




Und wenn Sie sich schneiden, genügt Ihnen dann ein Schnitt?
Meistens nicht. ...eigentlich nie.
Wie oft schneiden Sie sich denn?
Ich weiß nicht. Unterschiedlich.
Jetzt am Samstag?
Dreißig, vierzig Mal.
Auf einmal.
Ja.

Pause.

Und wie versorgen Sie das? Das muss doch sehr bluten.
Ja. Ich stille das Blut mit Tüchern, bis es weniger wird. Dann verbinde ich es.
Mhm. ...und desinfizieren Sie die Wunde dann?
Nein.
Warum nicht?
Ich weiß nicht...
Sie müssen aufpassen, dass es sich nicht entzündet. Wenn es das tut, müssen Sie zum Arzt damit. Das wissen Sie, oder?
Ja. Ich weiß.
Mhm. War es sehr tief?
Nein.
Sie mussten nicht genäht werden.
Nein. Mein Freund sagte, ein klein bisschen tiefer und er wäre mit mir ins Krankenhaus gefahren zum Nähen. Aber... ich denke er übertreibt.
Warum, wie sahen die Wunden denn aus?
Einige klafften etwas.
Mhm... Zeigen Sie´s mir mal?
Nein.
Sie sind so leichenblass... Haben Sie viel Blut veloren?
Nein.

Pause.

Ich habe Angst, dass Sie mir hier umkippen. Ich würde Sie gerne von einem Arzt anschauen lassen...
Ich will lieber gleich nach Hause.
Mhm... Ich weiß nicht. Ihnen scheint es sehr schlecht zu gehen. Wir könnten Sie auch gleich dabehalten. Aber das wollen Sie wahrscheinlich vermeiden, oder?
Ja.
Mhm... aber wenn es Ihnen nicht mal besser geht, müssen wir Sie demnächst dann mal dabehalten...
Dafür habe ich keine Zeit...

Pause.
17.5.06 13:09


Es passt nicht mehr.

Ich war sechs Monate ohne. Und ich werde jetzt nicht wieder anfangen, mich zu schneiden.

Ich hatte jetzt diese beiden Rückfälle und es hat gut getan, das Blut zu sehen und die Wärme den Arm herunterschauern zu spüren. Dieses Gefühl ist einmalig, es gibt nichts, was es ersetzen könnte - und der Druckabbau ist unbestritten gewaltig. Aber mir haben die Rückfälle auch gezeigt, dass das nicht mehr zu meinem Leben gehört. Ich werde nicht wegwerfen, was ich erreicht habe.

Das ist mein Leben, es gehört zum ersten Mal wirklich mir. Ich habe inzwischen die Kontrolle und ich muss mich nicht mehr verletzen. Es passt nicht mehr zu mir. Ich brauche es nicht mehr.
17.5.06 13:27


Um Hilfe bitten... dürfen.

Morgen gehe ich zum Psychiater und lasse mir neue Schlaftabs verschreiben, um den Schlaf in den nächsten Nächten wieder zu regulieren, und je nachdem für ein paar Tage stärkere Bedarfsmedis, um die Unruhe abzumildern und die quälenden Gedanken zu lindern. Und es wird okay sein. Und wenn ich die kommende Woche wieder drei- oder viermal zur Psychologin gehe - dann ist es eben so. Ich darf mir diese Hilfe holen - ich habe was Besseres verdient, als mir nur wehzutun.

Ich gebe jetzt nicht auf.
21.5.06 20:10


Schritte

Gerade eben habe ich meine allerletzte Klinge entsorgt, die eine, die ich immer noch für den Totalausfall bei mir hatte. Die eine, die ich am Montag benutzt habe. Ich habe sie zerbrochen und in den Müll geworfen. Und obwohl mir diese Endgültigkeit eine gewisse Angst macht, ist es okay.

Konträr dazu hat mir die Psychiaterin Tavor verschrieben. Nur für die nächsten paar Tage, um klarzukommen. Und wenn es wieder geht als Bedarf für den absoluten Notfall.

Ich schaffe nicht viel im Moment. Wenn ich meine Termine alle wahrnehme, reicht das schon, um mich an meine Grenzen zu bringen. Ich quäle mich durch die Tage. Aber es geht weiter und darauf kommt es an.
22.5.06 17:36


Das ganze Leben

ist eine Suche nach dem Zuhause - für uns alle. Alle rastlosen Herzen auf dieser Welt versuchen, einen Weg nach Hause zu finden.
Patch Adams
27.5.06 20:51


Jahrende der Erschöpfung

Jahrelang habe ich meine Nachmittage schlafend auf der Couch verbracht. Es begann mit harmlosen zwei Stunden, als ich zwölf oder dreizehn war. Nach und nach wurden es mehr. Wenn ich von der Schule nach Hause kam, verkroch ich mich in mein Zimmer, mein Heiligtum, las einige Seiten, spürte, wie mein Kopf immer dumpfer wurde, konnte nicht mehr gegen die zufallenden Augen kämpfen. Ich döste und schlief bis zum Abend, das Buch immer auf dem Bauch, auf der Hut, falls jemand die Treppe hinaufsteigen sollte, falls jemand mein Zimmer betreten wollte - dann schreckte ich auf, hielt das Buch in zitternden Händen, wartete ab, dass meine Tür geöffnet würde, um dann schroff jedes Wort, jeden Wunsch an mich abzuweisen. Ich hatte keine Kraft, keine Kraft mehr, keine Kraft, zu lächeln, aufzustehen und mein Zimmer zu verlassen.

Als ich siebzehn war, begann mein Kreislauf zu versagen. Ich war in der Oberstufe und hatte jeden Nachmittag Unterricht. Es gab keine Stunden auf der Couch mehr. Manchmal kam ich nicht vor acht Uhr abends nach Hause. Die Stunden in der Schule verbrachte ich halb dösend, wartend, dass es irgendwann vorbeigehen würde. Der Körper wollte nicht mehr. Manchmal konnte ich kaum gehen, wurde halb getragen, wenn jemand bei mir war. Man versuchte es mit Eisenpräparaten, der Kreislauf wurde irgendwann wieder stabiler.

Die Erschöpfung blieb, steckte tief in den Knochen. Schlafen half nicht mehr und ich schlief auch nicht mehr viel. Ich war nur noch müde, mein Kopf war so dumpf, ich konnte die Augen kaum offen halten, jede Minute, die ich sie im Unterricht schloß, kam einer Erlösung gleich. Man sagte mir oft, ich sei leichenblass, sähe aus, als ob ich jeden Moment zusammenbrechen könnte. Ich brach nicht zusammen. Ich konnte alleine gehen. Es war alles in Ordnung. Alles in Ordnung. Alles in Ordnung.

Nichts war in Ordnung. Als ich achtzehn war, brach meine Psyche zusammen. Ich konnte nicht einmal mehr eine einzige Seite lesen. Die Erschöpfung war zu groß, es gab keine Konzentrationsfähigkeit mehr in mir. Ich ging nicht mehr zum Unterricht, war durchgehend krankgeschrieben.

Seit zwei Jahren nehme ich Antidepressiva und ich glaube, ihnen verdanke ich, dass ich meine Tage wieder nutzen kann. Mein Kreislauf beschwert sich noch manchmal, aber ich bin nicht mehr so tödlich müde. Manchmal döse ich nachmittags eine Stunde. Aber ich kann wieder aufstehen und etwas tun, ich kann wieder lesen, mehr als ein paar Seiten. Diesen Grad der Erschöpfung will ich nie mehr erreichen! Ich hoffe so sehr, dass ich trotzdem wieder belastbar werden kann. Manchmal habe ich Angst, dass eine annähernd große Belastung wie die durch die Schule, mich wieder allzunah an meine Grenzen bringen könnte. Aber ich muss doch wieder etwas leisten! Und ich will es auch so sehr. Ich hoffe nur, es wird mir irgendwann wieder möglich sein...
Ich habe Angst.
29.5.06 14:03


Erinnerungsfragment #12

"Deine Mutter rief mich an. Sie sagte, du willst die Schule nach der Zehnten nicht mehr weitermachen..." Große, grüne, eulenartige Augen schauten Ariadne durch randlose Brillengläser an. Sie zuckte die Schultern.
"Aber deine Noten sind doch eigentlich sehr gut. Es wäre dumm von dir, jetzt aufzuhören." Die Lehrerin und Vertraute maß Ariadne mit einem Blick, der eine Mischung aus Ärger und Verständnislosigkeit zum Ausdruck brachte.
"Ich will einfach nicht mehr. Ich sehe keinen Sinn darin", brachte Ariadne hervor. Einen Moment später fügte sie hinzu: "Und ich habe keine Kraft mehr."
Sie konnte beinahe zusehen, wie die Lehrerin innerlich die Augen verdrehte. Wieder so eine Spinnerei, so ein aus der Reihe tanzen. Ihr Herz zog sich zusammen.
"Ich weiß nicht, wozu ich noch weitermachen soll. Das hat doch alles keinen Sinn... ich lerne nichts, was von Bedeutung wäre, und ob ich bis zum Abitur überlebe ist sowieso fraglich."
"Fraglich? Spielst du mit deinem Leben?"
"Nein..." Ariadne zählte die dunklen Streifen auf dem Laminat zu ihren Füßen. "Es ist einfach alles so sinnlos." Sinnlos... Sie kämpfte, sie war müde, sie brachte in der Schule die Stunden herum und schlief, es ergab keinen Sinn. Ihr Leben war sinnlos, ein Warten auf bessere Stunden. Es war kein Leben. Es war ein Vegetieren.
"Und was willst du dann machen?" Die Lehrerin hatte einen strengen Zug um den Mund.
"Eine Lehre beginnen. Etwas Sinnvolles tun. Einfach mal etwas tun." Ich überlebe das nicht.
Die Lehrerin seufzte.
"Und du glaubst, in einer Lehre wäre das besser?"
Ariadne schwieg. Ich weiß es nicht, ich weiß es nicht. Vielleicht...
"Ich glaube, du würdest es irgendwann bereuen, dein Abitur nicht gemacht zu haben, obwohl du die Fähigkeiten dazu hast."
Die Lehrerin berührte Ariadne am Arm.
Sinnlos.
"Okay, ich mache dir einen Vorschlag. In der Oberstufe läuft sowieso alles ein bisschen anders. Schieb deine Entscheidung ein paar Monate auf, schau dir die Elfte an - dann kannst du immer noch gehen."
Ariadne schwieg. Kämpfte mit sich und der Sinnlosigkeit. Kämpfte gegen sich und die Sinnlosigkeit. Trotz und Zähigkeit siegten.
"Okay. Ich probiere es."


Mit sechzehn, kurz vor Beendigung der zehnten Klasse.
29.5.06 14:44


Ich sehne mich

... danach, dass die Leere sich wieder füllt.

Ich möchte keinen dumpfen Kopf mehr, ich möchte wieder wissen, dass etwas gut ist und gut war und richtig. Ich sehne mich danach, dass ich wieder die richtigen Dinge sagen und tun kann und dass es wahrgenommen wird, wenn ich die richtigen Dinge sage und tue.

Ich sehne mich nach Hunden, die zu meinen Füßen liegen, zimtfarben, wie wärmende Geborgenheit. Danach, dass ich angestupst werde, wenn ich aufhöre zu kraulen, und dass Hundepfoten mir überallhin folgen, wohin ich gehe.

Ich sehne mich nach dem Meer, nach dieser Weite, die bis zum Horizont blicken lässt, wo Himmel und Meer verschwimmen, dieser Weite, in der der Blick nirgendwo anstößt. Ich sehne mich nach dem Geruch nach Salz und Tang und danach, atmen zu können, befreit und unbelastet.

ich sehne mich so sehr.
30.5.06 20:07


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