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Ich gehe gleich ins Bett,

dann ist das Kapitel des heutigen Tages endlich abgeschlossen. Leidiger Tag. F?r Zoe gibt es als Bettlekt?re ein bisschen was aus meinen liebsten Fantasyromanen aus der Kinderzeit. -
Mich kotzt heute alles derma?en an, dass ich kurz davor bin, mir den Finger in den Hals zu stecken. Verfluchte Welt, verfluchtes, kompliziertes Leben!
Seit ich in Behandlung bin, wird alles noch schwerer, weil ich mich auf einmal auch noch um Ariadne und Zoe k?mmern muss, die vorher v?llig im Hintergrund waren. Da waren nur Rahel und Dhana, die beiden Extreme. Erst nur Rahel, die immer alles geschafft hat, egal, wie es mir ging. Dann irgendwann Dhana, die alles kaputt machen musste, besonders sich selbst. mich.
Ariadne hatte keine Stimme und Zoe war immer da, aber total, total unterdr?ckt. Alles nicht so einfach. -
Ich bin m?de. Morgen ist Schule und ich muss es irgendwie schaffen, hinzugehen.
7.9.05 22:38


Therapieergebnis #4

Ich w?rde geschw?cht wirken, hat meine Therapeutin gesagt, und das bin ich auch. Ein depressiver Schub, kann kaum etwas tun, selbst meine Protokolle auszuf?llen, f?llt mir zur Zeit entsetzlich schwer. Morgens aufzustehen gestaltet sich als Tortur. Und in der Schule bin ich ?berhaupt nicht aufnahmef?hig, ununterbrochen dissoziiert. Ich bekomme einfach nichts mehr mit. Es geht mir ziemlich schlecht.

Im Moment bin ich motivationslos und traurig. Keine Kraft mehr. Irgendwo existiert da zwar eine Kraftquelle in mir: Wie oft hat man zu mir gesagt, ich sei eine ganz besonders Kraftvolle, ich h?tte die Kraft, immer weiterzumachen, weiterzuk?mpfen... Die Erwartungshaltung, die dahintersteht, macht mich manchmal ganz krank. Die wird sich schon wieder aufrappeln! Die h?lt das aus. Ich bin auch verletzbar! Ich habe Abgr?nde, die sich viele von euch gar nicht vorstellen k?nnen. Ich halte auch nicht alles aus. Auch bei mir gibt es eine Belastbarkeitsgrenze.

Da ich offensichtlich mein Leben lang schon sehr viel - zu viel? - wahr- und aufnehme, bin ich sehr reiz?berflutungsgef?hrdet. Nichts neues. Aber die Schule macht mir dementsprechend zu schaffen. Wir haben zwei ?bungen gemacht, die ich anzuwenden versuchen soll, wenn ich in der Schule bin, um vielleicht den Dissoziationen vorzubeugen: Zum einen das Erden in w?rtlicher Form - die F??e mit dem Boden verwurzeln. Zum anderen das Aufbauen eines imagin?ren Schutzschildes einen halben Meter um mich herum, der mich von ungewollten Reizen abschirmt.

Das Essen war das n?chste Problem. Mir ist im Moment st?ndig ?bel, ich bringe nichts herunter. Das einzige, was gerade noch so geht, ist rohes Gem?se. Tomaten, Gurken, Kohlrabi, Salat. Also dreimal am Tag rohes Gem?se, zu festen Zeiten, bis ich wieder einigerma?en essen kann.

?berhaupt soll ich in den n?chsten drei Wochen feste Rituale einhalten, um die Zeit bis zu den Ferien durchzuhalten - und auch die Zeit, bis meine Therapeutin aus dem Urlaub zur?ck ist. Drei Wochen. Mein Psychiater hat mir ein bis zwei Termine w?chentlich versprochen, um die Zeit zu ?berbr?cken. Es muss irgendwie gehen.
8.9.05 18:31


Ich verstehe noch immer nicht,

wieso das Leben f?r mich so schwer sein muss. Ich verstehe es einfach nicht, und zwar in allen Dimensionen, die es da (nicht) zu verstehen gibt. Womit habe ich das verdient? Warum f?llt mir allt?gliches schwer, was den meisten anderen leicht f?llt? Warum bin ausgerechnet ich gest?rt? Was ist ?berhaupt so schwer daran, ein "normales" Leben zu leben?
Klar wei? ich, dass vieles daher r?hrt, dass ich in einem missbrauchenden Elternhaus ?berleben musste, dass daher die St?rungen und inzwischen dysfunktionalen Verhaltensweisen kommen, die einfach wichtig waren, um das auszuhalten. Ich wei? auch, dass es sich mit einer solchen Belastung nicht so leicht leben kann, denn das w?re einfach nicht normal (und ich will jetzt keinen philosophischen Disput anregen, was ?berhaupt normal ist und was nicht, denn das interessiert mich an dieser Stelle herzlich wenig).
Trotzdem entzieht es sich meinem Verst?ndnis und meiner Akzeptanz, warum ich deswegen nicht normal leben kann. Ohne Suchtstrukturen, ohne die verdammten Medikamente, ohne diese st?ndigen selbstsch?digenden Exzesse, die Dissoziationen und die Gef?hlsachterbahn. Ich will doch einfach nur die Schule schaffen und dann studieren und schreiben und leben. Ist das denn zuviel verlangt?
9.9.05 16:35


Erinnerungsfragment #6

Ariadne erz?hlte aus der Schule, nicht viel, sie erz?hlte nie viel. Ohnehin hatte sie das Gef?hl, dass ihre Mutter ihr nicht zuh?rte. Sie sprach nur, um eine Stimme zu h?ren, die Stille nicht ertragen zu m?ssen, erz?hlte von ihrem unm?glichen Chemielehrer, von ihrer Eins in Deutsch, ihrer Eins+ in Latein. Ihre Mutter stand vom Esstisch auf und ging in den Keller, irgendetwas zu holen, und anschlie?end telefonieren, w?hrend Ariadne noch am Sprechen war, gerade von Englisch erz?hlen wollte. Ariadne verstummte und a? schweigend weiter, lauschte dem Lachen ihrer Mutter am Telefon.

Szenerie mit variablem Datum.
9.9.05 20:56


Alte Tagebücher

Ich habe schon immer geschrieben, nicht in der Regelm??igkeit wie heute, aber doch mehr oder minder durchg?ngig seit 1997. Manchmal bl?ttere ich in den alten Aufzeichnungen und bin erschrocken, wie klar ich schon vor Jahren beschrieben habe, was bei uns vorging, wie ich mich gef?hlt habe, wie emotional instabil ich war. Mir wird ganz anders beim Lesen. Es triggert.

26.6.02
Und wenn nichts mehr geht bei uns, und wenn sie wieder schweigen und Selbstgespr?che f?hren, und wenn sie Kaffeetassen gegen die Wand werfen oder darin r?hren, bis der Kaffee l?ngst kalt ist, und sagen: sei ganz still (sie legen den Finger ?ber die Lippen dabei)... wenn sie mir den Mund verbieten, mich auf dem Boden schlafen machen... Ich tr?ume schon wieder von Tagen im Regen und Heiligabend Mitternacht in den Stra?en unterwegs, aber keiner h?rt zu. Die einzige, die lauscht, bin ich selbst, aber ich bin stumm und angstdurchschauert. -
Wenn das Leben nicht m?glich ist, bleibt der Tod.
9.9.05 21:20


Erinnerungsfragment #7

Ariadne lag apathisch auf dem Sofa in ihrem Zimmer im ersten Stock, die Augen halbgeschlossen, und h?rte. Nichts weiter. Sie h?rte einfach nur... h?rte, dass ihr Vater in der K?che im Erdgeschoss zwei Scheiben Brot schnitt und dabei vor sich hin pfiff; am Knistern der verschiedenen Packungen konnte sie ausmachen, dass er das eine mit K?se, Leerdammer, das andere mit Schinken belegte. Au?erdem pellte er noch ein hartgekochtes Ei. Sie hatte nicht gewusst, dass sie noch Eier vom gestrigen Abend hatten...
Ihre Mutter las im Wohnzimmer Zeitung, verriet ihr das charakteristische Rascheln, und f?hrte dabei gepresste Selbstgespr?che, wie Ariadne sie schon tausende Male geh?rt hatte.
Jetzt machte ihr Vater sich auf die Suche nach einem Platz, ging Richtung Wohnzimmer, ?ffnete die T?r und schloss sie wieder, schritt zum Esszimmer. Ariadne h?rte die T?r knarren. W?rde er abschlie?en? Ja, tats?chlich. Sie h?rte sein hektisches Pfeifen noch einige Minuten, dann verstummte es.
Die Selbstgespr?che ihrer Mutter wurden zu unterdr?ckten Fl?chen. Reflexartig presste Ariadne die H?nde auf ihre Ohren. Sie sollte still sein, endlich still...
10.9.05 19:41


Erinnerungsfragment #8

"Ach, ich habe ?brigens ein paar von deinen B?chern genommen und sie C. geschenkt."
Ariadne erstarrte. Ihre B?cher, ihre Heiligt?mer! Und ihre Mutter hatte sie - ohne sie zu fragen - an jemanden verschenkt, den sie nicht einmal kannte! In ihr zuckte ein verkramptes Herz.
Sie schwieg und st?rzte auf ihr Zimmer. Vier fehlende B?cher z?hlte sie, darunter ihr liebstes, ein v?llig zerlesenes kleines Taschenbuch von Rafik Schami, das sie immer zum Weinen gebracht hatte, das sie zur Hand nahm wie eine Bibel, wenn es ihr nicht gut ging, das sie mehr als zehnmal gelesen hatte. Weg.
"Ich will die B?cher sofort wieder zur?ckhaben", sagte sie kalt. In ihr tobte es. Sie war den Tr?nen nah.
"Du hattest mir keine B?cher herausgelegt, also musste ich mir selbst welche suchen", erwiderte ihre Mutter und zuckte die Achseln.
Ariadne starrte sie an.
"Du hast das Buch von Rafik Schami weggegeben", sagte sie tonlos.
"Kauf es dir doch nochmal neu", beendete ihre Mutter, sich umwendend, das Gespr?ch.


10.9.05 23:54


Die ewige Suche nach Liebe

Zoe k?mpft seit vielen Jahren in mir darum, von Menschen gesehen und geliebt zu werden. Da war die Briefgemeinschaft, der ich mit 13 fast ein Jahr lang angeh?rte; die geliebte Englischlehrerin; die Kunstlehrerin, die fast wie eine Freundin war; die Mathelehrerin, die mich ?ber Jahre in Zweiergespr?chen begleitet hat; die wenige Jahre ?ltere Freizeitbetreuerin, mit der ich einen Sommer lang ?ber alles reden konnte; die Email-Beraterin vom Internet-Notruf, mit der ich monatelang einen t?glichen Mailwechsel hatte; die vier Therapeutinnen, mit denen ich in 10 Jahren Kontakt hatte... Menschen, die ich an mich zu binden versuchte, obwohl das unm?glich war. Menschen, von denen ich dachte, sie k?nnten mich besch?tzen und mir etwas geben, dass mir zu fehlen schien, obwohl ich nie genau wusste, worum es sich dabei handelte. Ich brauchte sie. Ich war unendlich abh?ngig von ihnen, von jedem ihrer Worte. Zoe suchte und sucht eine Mutter oder eine gro?e Schwester oder irgendeine Verbindung, irgendeine Art von Schutz und Verst?ndnis. Alles w?rde sie daf?r riskieren. Ihr Leben. Mein Leben. Und ich w?rde es auch tun.
11.9.05 00:49


Zusammenbruch

Und wieder breche ich innerlich zusammen. Kann nicht mehr aushalten. Wei? nicht, wie ich dieses Leben leben soll, wenn ich nicht einmal die n?chste Stunde heil ?berstehen kann.
Hilfe...
11.9.05 22:41


Mein Bedürfnis nach Stille ist groß.

Jedes Ger?usch kommt mir vor wie ein Blitz, der meinen K?rper durchf?hrt. ?bersensibilisiert. Selbst das Klappern der Tastatur ist f?r mich kaum zu ertragen. Aber der Drang zu schreiben ?berwiegt. Kaum wei? ich, was ich sagen m?chte, was ich ?berhaupt zu sagen habe... So wertlos, sinnlos, gef?hllos. Und gleichzeitig reduziert auf den einen Sinn - das Geh?r. Sinn-voll. Rahel, rette mich!
?ber mir gehen sie umher, sprechen. Im Treppenhaus Schritte, hin und wieder ein klirrendes Schl?sselbund. Ich hasse euch alle! Bin so ersch?pft von euren Ger?uschen... Warum k?nnt ihr nicht still sein? Stille... Ich hasse euch! Weine wegen eurer Ger?usche und vor Ersch?pfung. Habe mich in meinen eigenen Notenlinien verstrickt...
19.9.05 19:58


Fühllos

Ariadne drehte den Warmwasserhahn weiter auf. Das Wasser sollte hei?er werden, sie sp?rte es kaum, drehte weiter. Innerlich war es kalt, so kalt... Sie fror, ihre Haut r?tete sich. F?hllos. Ihre Seele war halb erfroren, ihr K?rper zitterte, ihr wollte nicht warm werden. Noch hei?er. Die Knie brachen ihr ein. Apathisch sa? sie auf dem Boden der Badewanne, die Duschbrause noch in der Linken mit laufendem Wasser, sich selbst fremd.
20.9.05 14:39


Rahel und Zoe - unvereinbar

Rahel hat f?r mich unterrichtet, Posaune, war einkaufen, hat mit meiner Mitbewohnerin geredet, mich irgendwie durch den Tag gebracht. Ohne R?cksicht auf Verluste. Ohne R?cksicht auf Zoe. So ist das immer. Rahel hat genug damit zutun, alles zu schaffen, dabei ist Zoe nur im Weg. Zoe ist immer nur im Weg... Wie fr?her, in meiner Kindheit, die keine war. Da wurde Rahel geboren und nahm den Platz des Kindes ein.
Aber Zoe lebte weiter in mir, versteckt und zur?ckgezogen ?ber viele Jahre hinweg. Das einzige, was ab und zu von ihr zutage trat, waren diffuse Bed?rfnisse nach einer Schulter zum Anlehnen, nach jemandem, der zuh?rte und mir Geborgenheit schenkte. Bed?rfnisse, die ich kaum jemals klar benennen konnte, und wenn doch, so sch?mte ich mich.
Auf Rahel konnte ich mich immer verlassen. Sie ?bernahm alle Aufgaben klaglos und energisch, wenn auch gef?hlsarm, verkopft und nicht selten spitzz?ngig.
Zoe dagegen behinderte mich (und Rahel) durch ?ngste, Unwillen, Trotz und den gro?en Hang zur Unzuverl?ssigkeit. Ihre kindlichen Bed?rfnisse dr?ngten mich in Ecken und brachten mich in Situationen, aus denen Rahel sich nur mit M?he wieder herausk?mpfte.
20.9.05 20:24


Schach

"Sie setzen sich ja permanent selbst schachmatt!" Er sah sie an und zog die Augenbrauen zusammen, sodass sich eine steile Falte ?ber der Nasenwurzel bildete. "Wie halten Sie denn diese st?ndige Spannung ?berhaupt aus? Wie machen Sie das?"
Ariadne zuckte die Schultern. "Ich wei? nicht. Nicht denken..."
Er schwieg einen Augenblick. Dann sagte er: "Sie schalten quasi sich selbst aus". Es schien weniger eine Frage als eine Feststellung zu sein.
22.9.05 15:59


Nicht mal mehr schreiben kann ich.

Mein Kopf zerbricht an meinen Gedanken. Warum ist der Schmerz jetzt wieder so gro?? Was ist das schon wieder?
22.9.05 20:04


Erinnerungsfragment #9

Ariadne schritt ?ber die Fu?g?ngerbr?cke. Unter ihr rauschten die Autos ?ber den Asphalt. Es war k?hl, wolkenverhangen, die Kastanie am Fu? der Br?cke rollte bereits die Bl?tter ein. September. Ganz nah am Gel?nder strich sie entlang. Die Schultasche dr?ckte auf den Schultern, der Wind zauste ihre Haare.
?ber das Gel?nder steigen, springen... Da waren die Strommasten ?ver den Zuggeleisen, Vorsicht, Hochspannung!, einige Meter weiter die Autobahn unter ihr. Ganz nah am Gel?nder.
Springen, aufschlagen, alles vorbei. Ariadne blieb f?r einen Moment stehen, lehnte sich ?ber das Gel?nder, blickte hinab. Sehns?chtig? Fasziniert? Vorbei, endlich vorbei... Wenn sie sprang und beim Aufprall nicht sofort tot war, w?rden sie mit Sicherheit noch ein paar Autos ?berrollen. Sichere Sache. Sterben...
Ariadne wandte sich ab und ging weiter.

Im Alter von etwa elf Jahren
22.9.05 21:05


Krisendienst

Eine Taschenlampe leuchtete in ihr Fenster. Dann klopfte es. Halb eins in der Nacht - wer in Dreiteufelsnamen konnte das sein?! Ariadne stand schlaftrunken auf und ?ffnete das Fenster. Ein junger Mann, sie kannte ihn nicht.
"Sind Sie Frau K.?"
"Ja!?"
"Ihr Freund hat uns angerufen und war in gro?er Sorge um Sie. K?nnten wir irgendwo ein paar Minuten reden?"
"Wer sind Sie denn ?berhaupt?"
"Ich bin vom sozialpsychiatrischen Krisendienst. Meine Kollegin wartet an der Haust?r. K?nnten Sie aufmachen?"
Ariadne fiel das Telefongespr?ch mit ihrem Freund vor etwa zwei Stunden ein - sie kurz davor, sich etwas anzutun, er kurz davor, ihr einen RTW zu schicken. Vor einer halben Stunde hatte er nochmals versucht, sie zu erreichen, aber sie war zu m?de gewesen, um dranzugehen.
"Ok". Sie machte Licht, zog sich eine Jeans an und ging die T?r ?ffnen. Eine Frau um die vierzig, schwarzhaarig und schlank, und der junge Mann, drei?ig vielleicht, betraten vorsichtig die Wohnung, fragten, wo man sich zusammensetzen k?nne und lie?en sich schlie?lich auf einem Stuhl und dem Fu?boden in Ariadnes Zimmer nieder.
"Haben Sie etwas eingenommen?" fragte der Mann unvermittelt. "Sie wirken extrem m?de und sind sehr blass".
"Nur meine Regelmedikation. 150mg Eunerpan, 60mg Remergil." Ariadne vermochte kaum, die Augen offenzuhalten.
"Das ist alles?" Er schaute sie forschend an. Sie nickte.
Die Frau erkl?rte den Anlass ihres Vorbeikommens, fragte nach Ariadnes Suizidalit?t, ob es konkrete Ausl?ser gegeben habe, wie es es ihr jetzt gehe.
"Wie lange haben sie diese lebensm?den Gedanken schon?"
Ariadne l?chelte bitter. "Seit zehn Jahren etwa".
"Aber doch nicht immer gleichstark, oder?"
"Nein. Phasenweise. Meist ?ber einige Tage, dann geht es wieder, nach einer Weile tauchen sie wieder auf".
"Dann sind Sie sicher schon in Behandlung oder?"
"Ja".
"Wo?"
"In der Psychiatrischen Ambulanz in B. Bei Herrn W. und Frau R."
"Haben Sie im Rahmen Ihrer Behandlung mal einen Nonsuizidvertrag abgeschlossen?"
"Ja. Im Juni den letzten".
"Hat der Bestand?"
"Wenn es sehr schlimm ist, dann nicht".
"Und vorhin war es sehr schlimm f?r Sie".
"Ja".
Ariadne beantwortete bereitwillig alle Fragen nach Suizidversuchen in ihrer Vorgeschichte, St?rke der momentanen Suizidalit?t, Schule. Nein, in die Klinik wollte sie nicht. Sie musste doch zur Schule, musste das unbedingt schaffen!
"Haben sie hohe Fehlzeiten?"
"Ja. Zu hohe".
"Das macht Ihnen Druck, ne?"
"Ja, klar..."
Irgendwie gelang es ihr, die Klinik abzuwenden. So akut sei es nicht mehr. Es gehe schon wieder. Den Nonsuizidvertrag, den die beiden mitgebracht hatten, unterzeichnete sie ebenfalls. Die Schule war wichtiger, so viel wichtiger... Sie musste das schaffen. Es musste sein. Ariadne gab Auskunft, was sie am Wochenende vorhabe, versprach, sich zu schonen und am n?chsten Tag ihren Psychiater aufzusuchen, sich sofort telefonisch zu melden, wenn irgendetwas sein sollte. Und letztlich gingen die beiden. Sie war wieder allein. Allein mit ihrer M?digkeit, mit der Telefonnummer des Krisendienstes und mit dem seltsamen Gef?hl, in der letzten Stunde habe sich jemand um sie gesorgt.
23.9.05 17:41


Brief

Ich vermisse dich so! Dabei wei? ich nicht einmal, ob du es bist, die ich vermisse, oder ob es nicht vielmehr die Mutter ist, die ich nie hatte. So sehr sehne ich mich nach einer m?tterlichen Umarmung voller W?rme und einer Schulter, an die ich mich anlehnen darf - ohne wenn und aber! Wo bist du? Warum hast du mich verlassen und warum hab ich nie zu dir gefunden? Wei?t du, wie sehr ich dich vermisse? Ich mag nicht mehr differenzieren zwischen der Mutter, die ich mir w?nsche, und der, die du bist... Hat nicht jeder Mensch eine Mutter verdient, die ihn besch?tzt und birgt, ohne Bedingungen zu stellen? Wer kann dieses Gef?hl von bedingungslosem Angenommen-Werden sonst erzeugen, wenn nicht die eigene Mutter. Wo bist du gewesen, als ich dich gebraucht habe? Wo bist du jetzt? Und ich, wo bin ich nur hingekommen? Was ist nur geschehen! All die Jahre, die wir unter einem Dach gelebt haben - und doch sind wir uns so fremd geblieben; all die Ver?nderungen und doch bin ich ohne dich so ungl?cklich wie eh und je. Mama, ich liebe dich doch! Mama, ich suche dich die ganze Zeit, ohne den Weg je zu ende gehen zu k?nnen. Ich wollte dir nicht wehtun, Mama! Auf einmal glaube ich wieder, dass alles falsch war und dass ich jede Dem?tigung lieber in Kauf nehmen w?rde, als von dir getrennt zu sein. Aber es gibt kein Zur?ck mehr f?r mich - ich habe dich verlassen, Mama, obwohl ich dir nie wehtun wollte. Es ist meine Schuld, ich wei? es genau. So gern w?rde ich dir sagen, wie lieb ich dich habe, aber nach all den Jahren bekomme ich l?ngst kein Wort mehr ?ber die Lippen. Dabei w?rde ich alles daf?r tun, wenn ich die Zeit zur?ckdrehen und nocheinmal alles besser und richtig machen k?nnte. Vielleicht w?re es nie soweit gekommen, Mama, wenn ich h?tte stark sein k?nnen und eine Tochter, auf die du stolz sein k?nntest. Vielleicht w?ren wir dann noch zusammen! Ich vermisse dich so!

Zoe (und Ariadne?)
24.9.05 10:59


Selbstkontrolle

"Im Moment haben sie gar keinen rechten Ansprechpartner in der Schule, oder? Nicht so wie fr?her, als Ihre Mathelehrerin eigentlich immer f?r Sie da war...". Er sah sie von der Seite an, als wolle er ihr die Vorteile einer solchen Beziehung suggerieren. "Mit Ihrem jetzigen Stufenleiter geht das nicht so gut, hm?"
"Nein. Das will ich auch gar nicht", sagte Ariadne fest. Und nach einer kurzen Pause fuhr sie fort: "Ich rutsche so leicht in Abh?ngigkeiten rein. Und das passt mir nicht".
Ihr Psychiater sah sie nachdenklich an. "Ah, ja".
"Sowas habe ich derzeit schon mit S. am Laufen". Ariadne schluckte. "Ohne ihn geht es einfach nicht... Und das gef?llt mir nicht".
Seine Antwort kam unvermittelt: "Sie passen ja auf sich auf wie ein Schie?hund".
24.9.05 17:01


Fehlende Stimuli

Ich versuche zu malen, bis Mittwoch muss das Bild fertig werden, aber jeder Strich sitzt falsch. Ich versuche zu schreiben, irgendetwas produktives muss ich doch tun, bringe aber nur v?llig aussagelose Texte zustande. Ich versuche zu lernen, morgen schreibe ich eine Klausur, merke aber nach jedem gelesenen Satz, dass nichts in meinem Kopf haften bleibt. -
Die n?tige Trance bleibt aus. Stattdessen k?nnte ich stundenlang stumpf vor mich hin starren und frieren. Die Welt erscheint mir reizlos und unterk?hlt.
Was bleibt? Das alte Vegetieren, verlebt, zerschlissen. Absterben, innerlich verholzen, pflanzengleich.
25.9.05 14:42


Berauscht

Am Messer kleben Hautfetzen, Blut. Ihre Augen spiegeln den Wahn wider. Schneller, tiefer, mehr Blut, mehr... Trotz des Rauschs jagt sie die Klinge mit unverminderter Pr?zision in ihr Fleisch, zieht sie durch bereits bestehende Wunden, um noch tiefer zu gelangen, genie?t es, zu sp?ren, wie ihr eigenes warmes Blut in Kaskaden ?ber die Arme rinnt, sich in der Armbeuge sammelt und dann zu Boden tropt, vereinzelt erst, dann immer mehr und schneller, je mehr Blut sie nachflie?en l?sst. Ihre Kontrolle, ihr Werk, ihre Verantwortung. Sie liebt es, liebt diesen Zustand am Rande der Trance, grenz?berschreitend, endlich lebendig, dem Blut verfallen... -
Nach und nach l?sst der Rausch nach. Sie sp?rt den Wunden nach, ersch?pft nun, befriedigt. Sie w?scht das Blut mit warmem Wasser vorsichtig ab, verbindet beide Arme sorgf?ltig. Es brennt angenehm, prickelt auf ihrer Haut. Der Wahn in ihren Augen ist dunkler Ruhe gewichen.
27.9.05 21:47


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